Geschichte

Die Anfänge

Die Faszination für den Radsport entflammte in den Familienferien im Südtirol, als wir die Tour im TV (zu Hause hatten wir nämlich keinen) mitverfolgten. Für mich stand fest: das will ich auch machen! Ein Rennvelo war in einer Musikerfamilie aber ein eher ungewöhnlicher Wunsch. So drehte ich Runde u Runde um den Born mit dem Citybike. Immer öfters überholte ich Rennvelofahrer der umliegenden Vereine. Schliesslich gaben meine Eltern nach und riefen den ortsansässigen Veloclub an.

Es folgte die erste Clubausfahrt und einige Wochen später fuhr der Nachwuchsverantwortliche Marc Andres mit mir an mein erstes Rennen, ein Zeitfahren. Ich konnte kaum richtig ein-, bzw. ausklicken, gewann aber trotzdem. So fuhr ich ein paar Rennen und im Winter 2005 besuchte ich das Wintertraining des Nachwuchsteams. Erstmals bekam ich einen Trainingsplan vom Vereinstrainer Röbi Grütter. Die Bernerrundfahrt 2006 war mein erstes nationales Rennen und ich fuhr völlig aus dem Nichts direkt aufs Podest. Wenig später kam das erste Natiaufgebot. Im Juni startete ich zu meinen ersten Schweizermeisterschaften und das erst noch "zu Hause" in Boningen. Ich gewann Silber im Zeitfahren. Damit war die Entscheidung für den Radsport und gegen das Saxophon endgültig gefallen.

Zu dieser Zeit besuchte ich noch die Kantonsschule Olten und diese Doppelbelastung führte mich an mein Limit; der Tag hatte einfach zu wenige Stunden... Zudem musste ich durch die Trennung meiner Eltern von einem Tag auf den anderen selbständig werden, was nicht ganz reibungslos funktionierte. Mein Wille und mein Ehrgeiz waren extrem hoch und ich investierte meine gesamte - und ein bisschen mehr ;-) - Freizeit in den Radsport. Ich wollte an beiden Orten Vollgas geben und so kam es irgendwann zu der Frage meines Englischlehrers, ob ich kiffen würde weil ich ab und zu (oder vielleicht auch regelmässig) beinahe im Unterricht eingeschlafen bin. Nach einigen Gesprächen stand dann fest, dass ich in die neu gegründete Sportklasse in Solothurn wechseln darf und die Matura in 5 statt 4 Jahren absolvieren kann. Das war eine riesige Entlastung und so lernte ich auch im richtigen Moment mehr auf das eine oder das andere zu fokussieren. Im Juni 2010 schloss ich die Matura ab und holte gleichzeitig noch meine erste SM-Medaille bei der Elite, Bronze im Strassenrennen. Ich hatte die Balance wieder gefunden!

 

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Nach vielen Jahren des Verzichts wollte ich nicht direkt an die Uni und jobbte Teilzeit bei Mc Donalds um mehr Zeit in den Radsport investieren zu können. Doch ich unterschätzte die Schicht- und Nachtarbeit und als ich auch noch mit der Uni begann, musste ich mir wenig später eingestehen, dass ich mich übernommen hatte. So fuhr ich manchmal morgens um 5 Uhr an ein Rennen, fuhr dann direkt zur Arbeit und kam um 2 Uhr morgens nach Hause. Am nächsten Tag musste ich wieder trainieren und später wieder arbeiten gehen. Trotzdem hatte ich auf nationaler Ebene ein extrem siegreiches Jahr und mit dem 4.Rang an der Europameisterschaft im Zeitfahren kam die Möglichkeit 2012 für das kleine italienische Profiteam Top Girls Fassa Bortolo zu fahren. Ohne ein Wort italienisch zu sprechen und ohne zu Wissen, was mich erwartet, machte ich mich auf nach Italien. Die ersten Monate waren sehr hart: ich verstand nichts, hatte Mühe mit dem Kontrollwahn unseres Teamchefs und hatte einen schweren Sturz (2 Monate waren Joghurt und Griessbrei meine Grundnahrungsmittel...). Das 3-wöchige Höhentrainingslager in Livigno wurde zu einem "Überlebenscamp". Essensrationen, Kontrollen und weder Telefon noch Internet. Doch dieser Tiefpunkt war auch der Wendepunkt: ich begann mich auf italienisch zu verständigen und ich schloss Freundschaften im Team. So begann ich mich langsam in dieser fremden Welt zurechtzufinden. Aller Anfang ist schwer und mein Durchhaltewille wurde mit einem Vertag bei BePink, der besten italienischen Mannschaft, belohnt. So fuhr ich 2013 meine erste richtige Profisaison und ich durfte gleich auf der ganzen Welt Radrennen bestreiten und Erfahrungen sammeln sowie meinen ersten Schweizermeistertitel bei der Elite im Strassenrennen gewinnen.

 

La vita è bella

Auch 2014 blieb ich diesem Team treu. Anfangs Jahr reiste ich alleine für 3 Monate nach Costa Rica um mich für die Rennen in Südamerika vorzubereiten. Die Flexibilität und Lockerheit die ich mir dort aneignen musste, haben mir danach extrem geholfen in den Radrennen und es war meine erfolgreichste Saison. Obwohl ich das ganze Jahr als Edelhelferin arbeitete, nutzte ich die wenigen Chancen die ich bekam. Ich gewann die erste Etappe der Tour de Bretagne und durfte das Leadertrikot tragen. Das absolute Highlight war jedoch der Gewinn der Bronzemedaille an der WM in Ponferrada im Teamzeitfahren.

 

Auf Abwegen

Auf die Saison 2015 verliess ich dieses Team, um das Angebot vom neu gegründeten Schweizer Bigla Pro Cycling Team anzunehmen weil ich mich als Schweizerin irgendwie verpflichtet fühlte zuzusagen. Leider fand ich mein Glück dort nicht. Ich erwischte einen heftigen bakteriellen Infekt anfangs Jahr und musste meine Form nochmals neu aufbauen. Wenig später musste ich den Giro Rosa aufgrund einer schweren Sturzes, bzw. einer Gehirnerschütterung aufgeben. Später kam es zu unlösbaren Differenzen und ich entschied mich, das Team per Ende Jahr zu verlassen. Es folgte ein Rosenkrieg, der mich auch gelehrt hat für meine Rechte einzustehen und nicht jedem blind zu vertrauen. So ging meine Reise 2016 erstmals in die USA ins neu gegründete Cylance Pro Cycling Team. Der 14. Gesamtrang am Giro Rosa (Stellenwert wie Tour de France bei den Herren) sowie der zweifache Titelgewinn an den Schweizermeisterschaften waren absolute Saisonhighlights. 

Die Nichtberücksichtigung für die Olympischen Spiele hingegen ein echter Tiefpunkt. Doch das Leben ist nicht immer fair und das sollte ich bei den Vertragsverhandlungen gleich nochmals erfahren.

Nach einer guten Saison, hatte ich gute Angebote, die ich alle ablehnte, da ich zurück nach Italien wollte. Jedoch wurde im letzten Moment trotz schriftlicher Vereinbarungen, mein Lohn um die Hälfte gekürzt. Aus Prinzip wollte ich diesen so nicht unterzeichnen und am letzten Tag vor der Deadline bekam ich noch einen Vertrag im neu gegründeten Team Véloconcept von Bjarne Riis. Somit führte mich mein Weg erstmals nach Dänemark. Mein erstes Jahr dort war gezeichnet von Verletzungen, Krankheit und einem chronischenÜbertraining-/Überlastungssyndrom. Zurzeit befinde ich mich noch in der Regenerations- und Wiederaufbauphase, bin aber gleichzeitig enorm froh, die kommende Saison im gewohnten Umfeld in Angriff nehmen zu können!