Persönliche Stellungnahme zum Fall "Campana"

Ende November erschien ein Artikel über unsere Klage an die Ethics Commission der UCI in der holländischen Zeitung "Volkskrant". Im Dezember folgte ein Beitrag im "Tagi".

Eigentlich wollte ich dazu nicht weiter Stellung nehmen, aber aufgrund extremer Reaktionen möchte ich hier einige persönliche Gedanken teilen.

Es ist wahrscheinlich nachvollziehbar, dass ich als Betroffene nicht verstehen kann, wie man ein solches Verhalten als "normal" oder "notwendig" erachten kann um Spitzenleistungen einzufordern. Auch 4 Monate später hat der Schweizer Hauptsponsor "bigla" die Chance nicht genutzt, Versäumtes nachzuholen oder Fragen zu stellen - das allein zeichnet aber in meinen Augen auch ein deutliches Bild... 

 

 

Zu den Fakten: Ende 2015 haben wir erfolgreich unsere ausstehenden Lohnzahlungen und Preisgelder über den Schweizer Verband eingeklagt. Meine Prämie für den SM-Titel war da jedoch ausgeschlossen. Für mich äusserst fragwürdig wie man als Hauptsponsor sowas nicht mitbekommt, denn dies hatte auch zur Folge, dass das Team keine Lizenz mehr erhalten hatte vom Schweizer Verband.

Im März 2016 haben 10 ehemalige Mitglieder des Bigla Pro Cycling Teams gegen den Teammanager / DS Thomas Campana bei der Ethics Commission der UCI sogenannte "complaints" eingereicht. 

Die Ethics Commission informierte uns nach einiger Zeit, dass es nicht möglich sei anonym zu klagen und so zogen fast alle Athletinnen / Staff ihre "complaints" zurück. Ich hatte grosse Angst aber ich wollte Gerechtigkeit für mich und vor allem für meine Teamkolleginnen. Erst später (nachdem es Campana zum Lesen vorgelegt wurde) wurde uns mitgeteilt, dass wir kein Anrecht auf das Urteil oder die Stellungnahme der Gegenseite haben würden. Ebenso, dass Teammanager und Sportliche Leiter von Sanktionen ausgeschlossen seien. Eine Farce!! 

 

Das erste Mal bin ich persönlich mit Campana aneinander geraten an der SM in Steinmaur weil ich nicht seiner Meinung war und ihm widersprach - dies wiederum duldete er nicht.

Unter denkbar schlechten Voraussetzungen reiste ich danach an den Giro. Und da passierte es: ich stürzte schwer und war nicht in der Verfassung noch weiterzufahren (über eine knochentiefe Schnittwunde am Knie wollte ich einfach ein Pflaster kleben, was schon zeigte, dass ich nicht ganz zurechnungsfähig war), geschweige denn noch zu einer weiteren Etappe zu starten. Aber als Edelhelferin hatte ich nicht das "Recht" auszusteigen zugunsten meiner Gesundheit. Der Druck war derart gross, dass mich widersetzen und nach Hause fahren schlicht keine Option war. 

Ich suchte den Rennarzt auf und er gab mir eigentlich keine Starterlaubnis mehr, was mich dann auch noch in eine recht unangenehme Situation brachte, da ich am nächsten Tag trotzdem startete...

Es war mein schlimmstes Rennen. Ich konnte kaum geradeaus fahren weil ich enorme Probleme mit der Visualisierung hatte. Mir war hundeelend, ich verschätzte mich mit Distanzen und Geschwindigkeiten. Totaler Kontrollverlust! Irgendwie schaffte ich es die Etappe zu Ende zu fahren. Beim Gedanken daran, dass mir noch 5 weitere Etappen bevorstehen würden, bekam ich regelrecht Panik, denn wie sollte ich in meinem Zustand eine Abfahrt bewältigen? Zu meinem Glück rief am nächsten Morgen unser Teamarzt an und informierte über die gesundheitlichen Risiken und Langzeitfolgen woraufhin ich dann unverzüglich nach Hause geschickt wurde. Allerdings waren die Folgen bereits gravierend... 

  

Persönlich hatte ich wahrscheinlich den "krassesten" Konflikt ausgefochten. Ich hatte teilweise richtig Angst und musste mit harten Mitteln für meine Rechte kämpfen. Es waren extreme Monate, welche mich psychisch an mein Limit gebracht haben. Mit der Hälfte des Teams durfte ich nicht mehr sprechen. Genauso verbot er mir bereits früher mit Fahrerinnen und Managern anderer Teams zu sprechen (weil Gerüchte kursierten, dass ich bereits für ein anderes Team unterschrieben hätte - was sogar stimmte ;-)), woran ich mich natürlich nicht gehalten habe, denn dies ging in meinen Augen definitiv zu weit. Für die WM in Richmond wollte er mir mein Zeitfahrrad nicht rausgeben, damit ich mich nicht darauf vorbereiten kann und genauso versuchte er mit allen Mitteln einen Start an der Bahn-EM in Grenchen zu verhindern (wo bigla u.a. Sponsor war). Bis am Ende bin ich allen meinen vertraglichen Verpflichtungen nachgekommen. Bin sogar im November noch für ein Rennen nach Südafrika geflogen - keine einfache Situation um es diplomatisch auszudrücken. Ich habe nicht klein beigegeben und meine Rechte eingefordert. Doch der Preis den ich dafür zahlte war hoch! Nach aussen wirkte ich vielleicht abgeklärt und teilweise sogar fast schon emotionslos aber wer mich während der Holland Ladies Tour im Hotelgang beobachtet hat, wusste ganz genau was abging (insbesondere als ich zu einem "4-Augen-Gespräch" in den Teamcamper beordert wurde) - er versuchte mich emotional zu erpressen für ein weiteres Jahr zu unterschreiben. Eigentlich eine völlig absurde Situation!! Ich war völlig am Ende mit den Nerven aber niemand konnte mir helfen, denn damit hätte man sich selbst dem Wolf zum Frass vorgeworfen - und das hätte ich niemals zugelassen. 

 

Ich weiss, dass ich das Richtige getan habe, auch wenn es mich später an den Tiefpunkt meines Lebens befördert hat. Bis heute habe ich nicht darüber gesprochen weil ich daran zweifelte, ob man mir glauben würde und wie sich gezeigt hat, waren/sind diese Bedenken nicht unberechtigt. Es war schon heftig, wie negativ die Reaktionen ausfielen, dass ich ein Schweizer Team verlassen habe. Nach Aussen musste ich natürlich bis Ende Jahr den Schein wahren, was manchmal schon schwierig war bei allem was vorgefallen war. 

Es ist schon schockierend, wie viele Menschen ein solches Verhalten im professionellen Sport als "normal" oder "notwendig" erachten. Ich bin überzeugt, dass man dadurch gute Leistungen kurzfristig erzwingen kann aber herausragende Leistungen nur durch eigene Motivation erreichen kann. Vor allem aber bin ich der Meinung, dass ein solches Verhalten schlicht inakzeptabel ist und unter keinen Umständen gerechtfertigt werden sollte bzw. wie in allen anderen Lebensbereichen entsprechend sanktioniert werden sollte.

 

Auch als ich das Team Ende Jahr verlassen hatte, war der Kampf nicht beigelegt. Es war eine schwierige Zeit und es war nicht immer einfach ruhig zu bleiben oder sich nicht davon ablenken zu lassen. So versuchte er z.B. andere Teams während der Emakumeen Bira zu manipulieren, um zu verhindern, dass ich das Bergpreistrikot gewinnen würde!! Gewonnen habe ich es trotzdem und ich glaube sogar meine Ex-Teamkolleginnen waren am Ende froh über diesen Ausgang, denn es war offensichtlich, dass es ihnen äusserst unangenehm war mit solchen Mitteln zu kämpfen.

Es gibt unzählige solcher Episoden und auch wenn jede Einzelne nicht so schwer wiegt, so war die Situation doch enorm belastend. Ich musste heimlich mit Kolleginnen sprechen; es war ein ständiges Versteckspiel das einfach nur "krank" war!!

 

Mittlerweile habe ich das Geschehene akzeptiert und ich bin vor allem wirklich froh, dass es Caro Baur mittlerweile wieder gut geht in den USA. 

Leider begleiten mich die Folgeschäden dieser Gehirnerschütterung noch heute. 

Manchmal habe ich extreme Kopfschmerzen, Vertigo oder Konzentrationsschwierigkeiten. Auch mit Stress und Druck kann ich schlechter umgehen genauso wie ich manchmal extreme Stimmungsschwankungen habe. 

Meine Familie und Freunde wissen, wie sehr mich diese Gehirnerschütterung insbesondere während den ersten 2 Jahren danach gequält hat. Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte mir 100 Knochen gebrochen. Nächtelang bin ich wach gelegen, hatte Kopfschmerzen und Vertigo, Stimmungsschwankungen, Visualisierungsprobleme und Gleichgewichtsstörungen. 

Ich war unglaublich hart zu mir selbst weil ich nicht akzeptieren wollte, dass ich gewisse Einschränkungen hatte. Zudem konnte ich dies während der Saison 2016 durch Erfolge äusserst gut kaschieren. Damit habe ich mir leider keinen Gefallen getan, wie sich im Juni 2017 gezeigt hat... Mein Körper hat mir alle erdenklichen Signale gesendet endlich eine Pause einzulegen aber mein Kopf hat sich genau so heftig dagegen gewehrt. 

Über das folgende Kapitel mag ich nicht wirklich sprechen, sondern es dabei belassen, dass es eine extrem intensive und schwierige Zeit für mich und mein Umfeld war. 

Während den letzten 2 Jahren habe ich einfach gelernt, damit umzugehen und meine eigene Strategie gefunden, um die Symptome unter Kontrolle zu haben. 

In meinem Leben hat sich dadurch viel verändert und ich habe vor allem auch erkannt, dass enorm viel Arbeit, Willenskraft und positive Einstellung dazu geführt haben, dass es mir heute gut geht! Es war eine "Scheisszeit" aber sie hat mich auch vieles gelehrt und mein Leben ausserhalb des Sports bereichert. Dafür bin ich dankbar und das Leben ist eh zu kurz um sich mit der Vergangenheit rumzuschlagen. Jede Herausforderung birgt auch neue Chancen und die gilt es nun positiv zu nutzen...!! :-)

 

 

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"Du bist zu dick"
Artikel im Tagi
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6. Rang Weltmeisterschaft TTT in Innsbruck

Natürlich kann man einen 6.Platz nicht mit einer Medaille vergleichen, welche ich in dieser Disziplin schon gewonnen habe, aber wenn man den Weg dahin analysiert, kann ich damit mehr als zufrieden sein!

 

Seit meinem unglücklichen Sturz am Giro Rosa musste ich nicht nur mit angebrochenen Rippen sowie einer starken Erkältung kämpfen, sondern auch mit der Motivation.

Dass ich mich dann 2 Monate alleine zuhause auf die WM vorbereiten musste, ohne Renneinsatz und ohne Teamtraining war nicht einfach. Zudem absolvierte ich die gesamte Vorbereitung auf dem Strassenrad und sass somit nur gerade zwei Tage vor dem WM-Rennen noch auf dem Zeitfahrrad. 

Darum war ich am Start auch sehr nervös, doch zum Glück ist man bei einem Teamzeitfahren sehr schnell im Laktat und hat keine Energie um sich die "was wenn..."-Fragen zu stellen! 

Wir absolvierten die 54km in etwas mehr als einer Stunde mit einem Schnitt über 50km/h! Es war definitiv schmerzhaft ;-)

Am Ende reichte unsere Leistung zu Rang 6 womit wir sicher zufrieden sein dürfen. Damit konnte ich meine Saison äusserst positiv abschliessen! :-)

Gleichzeitig war es auch mein letzter Einsatz für das dänische Team, da ich auf die kommende Saison in ein spanisches Team wechseln werde, das sich mehr auf die bergigen Rennen konzentriert. 

Achterbahn der Gefühle

Lange habe ich mich hier nicht mehr gemeldet. Dies liegt daran, dass mich die letzten paar Monate auf eine harte Probe gestellt haben.

Alles begann mit einem scheinbar harmlosen Sturz auf der 3. Etappe des Giro Rosa, den ich später deshalb aufgeben musste. Wie sich im Nachhinein herausstellte hatte ich mir mehrere Rippen gequetscht und dadurch konnte ich nicht mehr richtig atmen, was natürlich ziemlich ungünstig ist im Ausdauersport... Weil ich mich trotzdem weiter durchgekämpft habe, wurde ich deshalb auch noch richtig krank und lag mehrere Tage mit einer heftigen Erkältung im Bett - husten war nun wirklich das Letzte das ich mit meinen verletzten Rippen tun wollte. 

Meine Enttäuschung darüber kann ich nicht in Worte fassen. Dafür habe ich mich ein Jahr zurückgekämpft, habe eine Reko gemacht und sehr hart dafür gearbeitet. Ich wäre bereit gewesen. Am meisten ärgert mich, dass der Sturz sehr weit vorne im Feld passierte und ich mir deshalb auch keinen Vorwurf machen kann, was es umso schwieriger machte die Sache zu akzeptieren. Doch wie sagt man so schön; die Zeit heilt alle Wunden...!

 

Kaum konnte ich wieder einigermassen normal trainieren folgte der nächste Tiefschlag: ich stürzte so unglücklich im Training, dass ich zum allerersten Mal in 10 Jahren Radsport den Notfall aufsuchte. Ich hatte meinen Ellbogen ganz schön heftig verschlagen. Obwohl ich natürlich nicht hätte radfahren sollen, war ich am nächsten Tag wieder auf dem Velo weil ich am Sonntag mein Heimrennen nicht verpassen wollte. So stand ich tatsächlich am Sonntag am Start beim Kriterium Olten; jedoch mit ziemlich starken Schmerzen (das Problem ist weniger der Schmerz an sich aber dass man dadurch die Kontrolle über das Velo verlieren kann) und einer gehörigen Portion Unsicherheit. Einige Stürze von Junioren in den ersten Runden trugen dann nicht wirklich zu meiner Beruhigung bei, jedoch konnte ich Runde um Runde meine Ängste besser in den Griff bekommen und mit einem guten Angriff konnte ich das Rennen am Ende sogar für mich entscheiden!! Ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut weil es so unerwartet kam! :) Eigentlich wäre es schon ein Erfolg gewesen, das Rennen auch nur zu beenden.

Auch am GP Oberbaselbiet (ein Rennen das mir eigentlich auch nicht unbedingt liegt mit den kurzen Anstiegen) gelang mir eine starke Leistung. Leider blieben die unermüdlichen Angriffe von Marcia Eicher und mir am Ende unbelohnt, da auch mein letzter Angriff auf dem letzten Kilometer nicht fruchtete. Dafür konnte ich die Bergpreiswertung für mich entscheiden.

 

Zum ersten Mal seit meinem Zusammenbruch fühlte ich mich wieder gesund und fit. Ich hatte Spass am Training und mein Körper reagierte wieder positiv auf Trainingsreize. Jedoch war es mental sehr schwer mich immer wieder von Neuem zu motivieren, da ich für keine Rennen aufgeboten wurde und mich auch Swiss Cycling mit totaler Ignoranz "bestrafte". Somit fuhr ich u.a. das Bergrennen auf den Balmberg wo ich immerhin richtig viel Spass hatte und auch den Streckenrekord bei den Frauen pulverisierte. Auch das Rennen mit den Amateuren in Savagnier machte mir Spass und trotzdem stellte ich mir irgendwann die Frage: wofür trainiere ich jeden Tag so hart? Warum nehme ich jeden Tag die Doppelbelastung Spitzensport und Arbeit auf mich? Weshalb opfere ich jedes Wochenende?

Eigentlich gibt es darauf keine rationale Antwort. 

Ich denke, wahre Stärke zeigt sich nicht in den Siegen, sondern darin, wie man mit Niederlagen und Rückschlägen umgeht. Ich hätte 1000 Gründe gehabt, aufzugeben aber das ist nicht meine Art und es gibt kein schöneres Gefühl, wie genau solche Herausforderungen erfolgreich und mit einem Lächeln zu meistern. 

 

Ich sehe diese Erfahrungen jetzt einfach als Test an und schaue positiv in die Zukunft. Mir blieb dieses Jahr wirklich nichts erspart aber ich habe die Dinge stets akzeptiert wie sie waren und meine Energie darin investiert, das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen und positiv zu bleiben!

 

Never forget to smile!! :)

 

 

"L`essentiel est invisible pour les yeux"

Seit meiner Rückkehr auf Worldtour-Level sind bereits einige Wochen vergangen und ich fahre zurzeit die Ardennen-Klassiker, mein erstes kleines Saisonziel. Ich hatte eine gute Vorbereitung mit qualitativ guten Trainings welche ich mit einigen Trainingsrennen in der Schweiz ergänzt habe. Heute möchte ich euch einen kleinen Einblick geben, was es für mich bedeutet bei diesen 3 grossen Klassikern dabei zu sein.

 

Der Sport hat mir die intensivsten Emotionen, positive sowie negative, geschenkt. Er hat mich stärker, selbstbewusster und zielstrebiger gemacht. Ich habe unzählige wertvolle Erfahrungen gemacht, vieles entdecken können, wundervolle Menschen kennen gelernt und vieles über mich selbst gelernt. 

Ich habe geglaubt, in dieser Welt meinen Platz gefunden zu haben - bis zu dem Moment, als diese zu meinem grössten Alptraum wurde. 

Niemandem konnte ich erklären, wie ich mich fühlte oder was mir fehlte, denn ich hatte ja angeblich einen Traumjob - was für ein fataler Trugschluss! Wie erklärst du, dass du deswegen gerade durch die Hölle gehst?!

 

Als Profi-Radfahrer wechselst du deine "Familie auf Zeit" ständig. Dadurch sind viele enge Freundschaften in kürzester Zeit entstanden. Doch was, wenn die Chemie einfach nicht stimmt? Was wenn deine Wertvorstellungen nicht kompatibel sind mit dem Kern der "Familie"? Schwierig... Es gab niemanden, dem ich mich hätte anvertrauen können oder wo ich das Gefühl hatte, auf Verständnis zu stossen. Denn die Message war klar: ein kranker, verletzter Athlet steht ganz weit unten auf der Prioritätenliste. 

Es gäbe unzählige Episoden, welche "meine Hölle" ziemlich gut beschreiben würden. Einmal musste ich z.B. eine Woche in der Firma eines Hauptsponsors um die Ohren schlagen. Könnt ihr euch vorstellen, wie einsam es nach Feierabend in einem solchen Gebäude ist? Wie beängstigend das Blinken der Alarmanlage werden kann? Ich sehnte regelrecht den Arbeitsbeginn herbei bis ich realisierte, dass gerade alle in die Osterferien gefahren sind!! Die Einsamkeit liess mich verzweifeln denn natürlich war dieser Gebäudekomplex irgendwo im nirgendwo...

Ich hätte ja jemanden anrufen können zu Hause, aber das habe ich natürlich nicht getan, denn ich wollte ja keine Sorgen bereiten. Vielleicht hätte ich das mal tun sollen... Was aber hätte ich auf die Standardfrage "wie gehts?" geantwortet? Wahrscheinlich geheult wie ein Schlosshund oder den Blickkontakt vermeidet und von mir abgelenkt!

Jedenfalls hatte ich genügend Zeit um darüber nachzudenken, weshalb man sowas tut. Die Schlussfolgerung war ernüchternd: Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit. Eine schmerzhafte Erkenntnis.

Zum Glück habe ich meinen Humor nie verloren und ich kann heute über viele solcher Episoden herzhaft lachen. Wie z.B. als ich im Zug von Pisa nach Siena einen Heulanfall hatte weil ich erstens total übermüdet war da ich morgens um 5 Uhr an den falschen Flughafen gefahren wurde, den Flug umbuchen musste und dann die Fluggesellschaft auch noch mein Velo verloren hatte. Diese Woche gehört allerdings nicht dazu! 

 

Als ich die Diagnose Übertraining/Überlastung sowie "leakygut-syndrom" erhielt, stand für mich eines fest: meine gesamten Lebensgewohnheiten der letzten 25 Jahre konnte ich erstmal über Bord werfen! Einfacher gesagt als getan, denn Loslassen ist ein Prozess keine Aktion! 

Dabei wurde mir bewusst, dass ich bis vor 2 Jahren in meinem Leben immer Vollgas gegeben hatte und deshalb war der Kontrast zum Profileben auch so gross. Statt nach dem Training für die nächste Prüfung zu lernen, arbeiten zu gehen oder für die Uni zu lesen, war meine Aufgabe plötzlich im Bett liegen und nichts tun. Daran bin ich grossartig gescheitert! Ich konnte keine Minute ruhig bleiben, auch wenn ich körperlich erschöpft war, konnte ich innerlich nicht entspannen. Ständig habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich noch optimieren könnte oder ob es jetzt angebracht sei einen Abend mit Freunden zu verbringen und habe mich damit selbst in den Wahnsinn getrieben. Deshalb begann ich wieder halbtags zu arbeiten. Am Anfang war das sehr erfrischend, da ich für einige Stunden nicht mehr Athletin war, in einem anderen Umfeld war und meine Gedanken nicht beim Radsport waren.

Als ich jedoch wieder in den Trainings- und Athletenalltag eingestiegen bin, stellte mich dies vor neue Herausforderungen. Für mich war es völlig normal morgens um 6 Uhr ein Core-Training zu absolvieren, um 7 Uhr trainieren zu gehen oder aufgrund der Dunkelheit erste Intervalle auf dem Hometrainer zu fahren. Es ist ein Unterschied, ob du im Sommer bei 15 Grad um 7 Uhr losfährst oder im Winter bei Minustemperaturen für mehrere Stunden trainieren gehst. Manchmal musste ich früher arbeiten gehen oder abends länger bleiben, was mich manchmal vor grosse Herausforderungen stellte. Doch eines habe ich im Radsport gelernt: flexibel bleiben!! 

Gerade in meiner Situation war es nicht immer einfach und ich bin an meine Grenzen gestossen, denn die Doppelbelastung war schon sehr hoch und ich musste das eine oder andere mal einen Gang zurückschalten, lernen wieder auf meinen Körper und Geist zu hören und vor allem Limiten zu respektieren. 

Stück für Stück habe ich mein Leben wieder unter Kontrolle bekommen und vielleicht zum ersten Mal auf meine Bedürfnisse geachtet. 

 

All das klingt jetzt irgendwie doch recht einfach, doch das war es keineswegs!! Lange haben mich Selbstzweifel, Ungewissheit und Ängste geplagt. Ich habe den Regenerationsprozess eingeschlagen ohne Garantie auf Genesung, ohne Garantie auf eine Rückkehr in den Radsport und ohne zeitliche Angaben. Wer mich kennt, der weiss, dass ich ein Perfektionist bin, der sich niemals mit 99% zufrieden gibt. Besonders das Loslassen fiel mir lange enorm schwer, war aber schlussendlich der wichtigste Prozess. 

Der alles entscheidende Unterschied von heute zu vor einigen Monaten ist jedoch, dass ich mich nicht mehr "schäme" für das Geschehene, sondern dass ich mittlerweile mit Stolz auf eine enorm wichtige Lebensphase zurückblicken kann. Diese Gefühle zu erkennen und zuzulassen hat ganz schön viel Zeit gebraucht! 

 

Manchmal fällt es mir schwer, mich an diese "Hölle" zurückzuerinnern oder davon zu erzählen. Aber genau dann wird mir jeweils bewusst, wie viel sich seitdem in meinem Leben zum Positiven gewendet hat. 

Ich glaube auch, dass mich die Leute in meinem Wohnblock mittlerweile als "bisschen verrückt" abgestempelt haben, allerdings im positiven Sinne ;-) Mein Tagesablauf ist so völlig anders wie das der meisten Menschen und deshalb für die meisten auch völlig unverständlich. Umso mehr schätze ich es, wenn ich auf Verständnis treffe. 

Dass ich nun bei den Ardennen-Klassikern am Start stehe ist für mich alles andere als selbstverständlich. Es steht enorm viel und harte Arbeit dahinter. Als mich meine Arbeitskollegen z.B. fragten was ich über die Ostertage gemacht habe, so waren sie mehr wie erstaunt, als ich mit "trainieren" geantwortet habe. Denn genau das ist der Punkt: ich arbeite von Montags bis Freitags, habe aber dann nicht ein freies Wochenende sondern dann stehen für mich entweder zwei grosse Trainingstage oder ein Rennwochenende an. Momentan habe ich nicht viel Freizeit und deswegen lege ich auch grossen Wert darauf, dass ich zwischendurch doch immer ein bisschen Zeit für mich finde. Da bin ich sehr bedacht darauf und es bedeutet auch, dass ich vermehrt "nein" sage zu Dingen, die mich zu sehr einengen oder stressen würden.

Vor allem aber habe ich auch erkannt, dass ich nur das Beste aus mir herausholen kann, wenn ich glücklich bin bei dem was ich tue, was bedeutet, dass ich z.B. kein schlechtes Gewissen mehr habe, wenn ich eben einen Abend mit Freunden verbringe oder Zeit mit der Familie verbringe.

 

Nur eine Sache bereitet mir manchmal Bauchschmerzen: wenn Leute zu mir aufblicken aufgrund meiner sportlichen Erfolge. Sicher, es ist schön Wertschätzung zu erfahren und ich schätze dies enorm. Manchmal da muss ich schmunzeln wenn ich mich in Zeitlupentempo die Bahnhofstreppe hinaufschleppe weil ich total übersäuerte Muskeln habe - und insgeheim hoffe, dass mich jetzt bloss niemand erkennt!! Ja, das Leben eines Profisportlers ist nicht immer so glamourös wie es in den Medien oft dargestellt wird... und der Weg an die Spitze in den wenigsten Fällen ein Sonntagsspaziergang... 

Der Weg aus meinem Tief zurück an den Start eines Worldtour-Rennens war für mich noch viel schwieriger wie der Weg dorthin! Dass ich beim Amstel Gold Race noch mit grosser Unsicherheit am Start stand ist da irgendwie verständlich. Obwohl ich durch schlechte Positionierung ein gutes Resultat verpasst habe, habe ich gesehen, dass mein Körper wieder leistungsfähig ist und darum sind mir gestern bei Fleche Wallonne auch gefühlte 1000 Steine von den Schultern gefallen, als ich nicht nur mitgefahren bin, sondern dem Rennen meinen Stempel aufdrücken konnte. Es war enorm wichtig für mich und mein Team, dass ich abliefere und ich bin extrem froh, ist mir dies bereits so früh gelungen. Es gibt noch sehr vieles zu verbessern und zu optimieren, aber es war auch von enormer Wichtigkeit einen positiven Start in die Saison zu haben. 

 

Die Türen zu einem neuen Abschnitt in meinem Leben als Profirennfahrerin stehen nun offen und ich bin extrem positiv eingestellt für den letzten Klassiker Liège-Bastogne-Liège am kommenden Sonntag.

Noch viel wichtiger aber ist, dass ich erkannt habe, was für mich wichtig ist um das Beste aus mir herauszuholen und dass ich den Mut habe, die nötigen Schritte dafür zu tun.

 

Strade Bianche :)

Die vierte Austragung der Womens World Tour Strade Bianche auf den Schotterwegen rund um Siena war eine eiskalte Schlammschlacht!

 

Da es am Donnerstag auch in Siena stark schneite und Minustemperaturen herrschten, wurden einige Offroad-Sektoren unfahrbar aufgrund des Eises. Darum entflammte auf den Social Media sowie innerhalb der Athletenkommissionen eine rege Diskussion, das "Extreme Weather Protocol" hinzuzuziehen. Klar, es war kalt & nass, doch die Wetterprognosen für Freitag und Samstag sagten Regen und Temperaturen über dem Gefrierpunkt voraus, deshalb liessen mich solche Diskussionen auch relativ kalt und ich stellte mich auf ein kaltes, nasses und matschiges Rennen ein. 

Eigentlich waren diese sehr schwierigen Bedingungen nur zu meinem Vorteil, denn im Gegensatz zu vielen meiner Konkurrentinnen habe ich den ganzen Winter über bei Kälte, Regen und Schnee trainiert. 

 

Kurz vor unserem Start um 9 Uhr begann es dann auch stark zu regnen und so entschied ich mich, in der Regenjacke zu starten, was sich als weise Entscheidung herausstellte, denn ich hatte nie das Bedürfnis sie auszuziehen! Am Start war ich schon etwas nervös, da es mein erstes Rennen nach einer langen Trainingspause und einer 8-monatigen Rennpause war. Doch ich wusste auch, dass ich gut trainierte hatte im Winter, fühlte mich gesund und freute mich einfach, wieder am Start eines meiner absoluten Lieblingsrennen zu stehen!

Ich benötigte ein wenig Zeit um mich im Feld zurechtzufinden, was mich in ein paar heikle Situationen gebracht hat, doch physisch fühlte ich mich gut und nach der ersten Stunde waren auch die letzten Zweifel und Ängste weg.

Ich hatte richtig Spass durch den Schlamm zu fahren und auch mit der Kälte und Nässe kam ich gut zurecht.

Als es in den entscheidenden Sektor ging, war unser Team in den vordersten Positionen präsent, doch leider erwischte unsere Leaderin dann ein Loch und hatte einen Hinterraddefekt. So liess ich mich hinten an die Wagenkolonne zurückfallen um sie wieder zurück ins Feld zu fahren. Natürlich war das Rennen nun voll im Gange und das Feld teilte sich in unzählige Grüppchen. Mich hat dieser Effort dann ein paar Körner zu viel im falschen Moment gekostet, was leider "Game over" bedeutete. Doch das ist Radsport, ein Teamsport. Am Ende ging unser Team leer aus, denn das Glück lag heute nicht auf unserer Seite... 

Im Grossen und Ganzen bin ich jedoch sehr zufrieden mit meinem "Comeback" und das Gefühl war gut. Nun gilt es, den letzten Feinschliff für die ersten grossen Ziele im April zu holen. 

 

Heute morgen stand dann waschen auf dem Programm: noch nie war ich so voller Dreck! Doch der Spass war es wert!! Es war auf jeden Fall eine unvergessliche Austragung von Strade Bianche!