Never stop challenging yourself...!!

Seit meinem letzten Eintrag sind einige Monate vergangen, dies liegt vor allem daran, dass ich während dieser Zeit in meinem Leben "radikal aufgeräumt" habe, bzw. mich von sämtlichen negativen Einflüssen distanziert habe. 

 

Während ich diese Zeilen schreibe sitze ich in einem Haus bei Freunden ausserhalb von Girona, einem kleinen Städtchen in Katalonien, das ich als mein zweites Zuhause bezeichne. Eigentlich sollte ich momentan in Vietnam am Rennen fahren sein, aber durch den Corona-Virus kam alles anders als geplant; jedoch bin ich gerade richtig happy hier zu sein! So viele tolle Erinnerungen verbinden mich mit diesem Ort, einige meiner besten Freunde wohnen hier und jedes Mal treffe ich neue wundervolle Menschen hier! 

 

Wenn ich heute auf die vergangene Dekade in meinem Sportlerleben zurückblicke, dann weiss ich gar nicht, wo ich beginnen soll, denn ich habe so vieles erlebt, so viele Menschen getroffen, so viele Orte gesehen und so viel gelernt.

Mir war immer bewusst, dass Radsport mit grossen Risiken verbunden ist, aber ich hätte niemals geahnt, dass mein Leben deshalb von einem Tag auf den anderen komplett auf den Kopf gestellt werden würde...! Dass ich alles in Frage stellen würde, dass ich nicht mehr wissen würde, wo mein Platz in dieser Welt sein soll und ob er überhaupt noch dort sein sollte...

In diesem Moment hätte ich alle meine Erfolge gegen meine Gesundheit eingetauscht hätte ich diese Möglichkeit gehabt! Damals stand ich am Flughafen London City, nicht wissend, was für eine unglaublich schwierige Reise vor mir liegt und wie unglaublich stark diese mich prägen und verändern würde...

Heute glaube ich, dass dieser Moment, in welchem ich mir selbst eingestanden habe, dass ich mich ausgebrannt habe, dass ich eine Pause vom Profiradsport einlegen muss, dass ich mich um meine Gesundheit kümmern muss und dass ich professionelle Unterstützung brauche, derjenige war, der am meisten Stärke erforderte. 

Niemandem war aufgefallen, wie schlecht es mir schon seit Monaten ging, wie sehr ich an meinen Reserven zehrte und wie sehr ich psychisch am Limit war. Die letzten Monate bis zum endgültigen Zusammenbruch und vor allem diejenigen unmittelbar danach waren krass! Richtig, richtig krass!!

Ihr merkt, es fällt mir extrem schwer darüber zu sprechen. Das liegt einfach daran, dass ich gewisse Dinge nur mit mir selbst ausgemacht habe weil ich der Überzeugung war (und bin), dass es genügt, wenn eine Person daran zerbrochen ist. Erstaunlicherweise hat mich bis heute nie jemand wirklich danach gefragt... 

Ironischerweise versuchte ich noch dann mein Umfeld zu beruhigen, als ich wirklich am Boden war und ich den Schmerz in ihren Augen sah, mich in diesem Zustand zu erleben. So absurd dies jetzt klingen mag, aber die Überzeugung mit der ich versicherte, dass schon alles wieder gut werden würde, war wahrscheinlich der entscheidende "Kick in den Arsch", dass ich auch dafür zu sorgen habe, dass dem so sein wird. 

Ich glaube meine unglaublich positive Einstellung, meine Disziplin und Selbstkontrolle sowie die Fähigkeit mich extrem zu pushen haben dazu geführt, dass ich nie in eine Depression oder in eine Negativspirale verfallen bin. 

 

Jede einzelne Erfahrung, jeder einzelne Tag in diesem Prozess haben mich etwas gelehrt und mich verändert. Ich bin nicht mehr dieselbe Person wie zuvor. Ich glaube, man könnte es so sagen, dass ich in einer sehr kurzen Zeit enorm viel über mich und das Leben gelernt habe und daran gewachsen bin. Ich sehe dies heute als Privileg und Chance, mein Leben genau so zu leben wie ich möchte und nicht zu versuchen jemanden oder etwas zu sein, das ich nicht bin oder Dinge zu tun, mit denen ich mich nicht identifizieren kann.

So habe ich mich nun auch ganz bewusst dafür entschieden, meine letzten Jahre im Profiradsport nicht mehr in einem Worldtourteam zu fahren, weil ich denke, dass dieses System momentan "krank" ist und ich mich zu sehr um die Menschen darin sorge. Ich bin jemand, der hinschaut, hinterfragt und verändern will. Und ich glaube darum würde dieses System mich heute zerstören. 

Deshalb habe ich mir auch ganz bewusst ein neues Team ausgesucht und bin extrem glücklich, dass ich mit "Illuminate" gefunden habe, wonach ich gesucht habe. Ein kleines amerikanisches Team, welches seine Fahrerinnen unterstützt und auf Qualität statt Quantität setzt!! Somit kann ich auch meine berufliche Zukunft gleichzeitig aufgleisen, denn oft macht man sich während seiner aktiven Zeit im Profisport viel zu wenig Gedanken darüber, was danach kommt und fällt in ein Loch oder trifft falsche Entscheidungen, welche man später bereut. 

Ich werde dieses Jahr also ein kleineres Programm fahren, dafür werde ich mir die Einsätze gezielt auswählen und mich auch gezielt darauf vorbereiten.

Ich freue mich auf neue Erfahrungen und Herausforderungen! Ein 100%-Pensum mit Profiradsport zu verbinden erfordert viel Flexibilität meinerseits aber auch von Seiten des Arbeitgebers und ich kann mich da wirklich glücklich schätzen so viel Unterstützung zu erfahren. Es wird sicher kein einfaches Jahr werden und wohl auch keines ohne Probleme oder Grenzerfahrungen, aber das macht für mich vielleicht gerade den Reiz aus...;-) 

Wahrscheinlich ist dieser Plan schon etwas verrückt, aber ich glaube er korreliert haargenau mit meiner Persönlichkeit und deshalb bin ich überzeugt, dass ich mich richtig entschieden habe. 

Erst wenn man sich aus seiner Komfortzone begibt, beginnt Veränderung! Wer immer nur tut, wovon er weiss, dass er dazu fähig ist, der wird niemals wissen, wo seine Grenzen liegen...! 

 

Sicher wird mich dieses Jahr enorm fordern aber ich glaube auch, dass es mich enorm befriedigen wird. 

Sehr bewusst habe ich gewählt, worin ich meine Zeit und Energie investieren möchte und darum brauche ich auch keinen Ausgleich, weil ich einen extrem grossen "Spielplatz" habe und die verschiedenen Aufgaben schon den nötigen Kontrast/Ausgleich bieten. Momentan habe ich das Gefühl im Leben genau dort zu stehen, wo ich sein möchte und genau das zu verfolgen, was ich möchte. In diesem Sinne: "let`s get the journey started..." ;-)

 

 

life balance

Seit ich meinen Vertrag mit dem baskischen Team "Bizkaia-Durango" im Mai aufgelöst hatte, habe ich mir endlich mal die Auszeit von jeglichen Verpflichtungen, Erwartungen und Vorschriften genommen, welche ich seit meinem Zusammenbruch 2017 nötig gehabt hätte. Bereits 2018 wieder auf Worldtourlevel zu fahren war nicht ideal, schon gar nicht das ganze Unterfangen auch noch mit einem Nebenjob zu verbinden um so den finanziellen Druck zu nehmen. 

Es war viel mehr so, dass ich einen "Stressor" abschwächte, damit aber einen anderen verstärkte. 

 

Im Mai bin ich spontan die Rennen in China gefahren mit meinem früheren Sportlichen Leiter Manel Lacambra. Diese zwei Wochen haben mich in meiner Entscheidung bestätigt. Zwar war ich nicht in Topform aber ich konnte das Team zum Sieg führen. Wenn einer weiss, wozu ich fähig bin und wie man dies aus mir herausholen kann, dann Manel!! 

Viel wichtiger aber, ich habe den Spass am Rennen fahren wieder gefunden sowie das Vertrauen in meine Fähigkeiten. Es hat mir extrem viel Freude bereitet mit diesen jungen Athletinnen zu arbeiten und sie zu persönlichen Erfolgen zu führen. 

 

Der Juni stellte mich dann auf eine harte Probe mit sehr viel unvorhergesehener Arbeit und der zusätzlichen Belastung der Transferphase. Ich kam an mein Limit und merkte, wie ich mich Kleinigkeiten und vor allem die Unzuverlässigkeit anderer immer mehr nervten. Es gab viele Tage wo ich zweimal arbeiten und zweimal trainieren musste. Ich gestaltete mir jeden Tag eine eindrückliche "to-do-list"!! Ab einem gewissen Punkt konnte ich nicht mehr abschalten, hetzte von Termin zu Termin und bekam wieder Schlafprobleme. Mir war schon klar, dass diese Entwicklung für mich mit meiner Vorgeschichte gefährlich war, aber ich konnte diesen Prozess in dem Moment nicht stoppen weil ich niemanden hängen lassen wollte. Jedoch kenne ich die Symptome von Überlastung nur zu gut und mir war klar, dass ich dies mit einer Erholungsphase ausgleichen musste.

Deshalb fuhr ich dann im Juli für 2 Wochen in ein Trainingslager in die Alpen. Ich hatte Zeit einfach mal im Moment zu leben, mir keine Gedanken über strukturiertes Training, Erholung und Ernährung zu machen... Kein Druck, keine Erwartungen, kein Terminstress, keine Verpflichtungen auf SocialMedia. Einfach ausgedrückt: ich hatte einfach mal Zeit für mich! 

 

Das "Positive" an solchen Krisen ist ja, dass man gezwungen wird, über sich und sein Leben zu reflektieren. Erst da wurde mir eigentlich bewusst, wie viel ich sehr früh in meiner Karriere erreicht habe, auf wie viel ich dafür verzichtet habe und wie viel ich mir selbst abverlangt habe. Ich selbst war es, die in sämtlichen Lebensbereichen nach immer mehr strebte, sich pushte und nach einem Erfolg bereits nach dem nächsten strebte ohne für einen kurzen Moment zu geniessen. 

Ehrgeiz, Leistungswillen, Disziplin und Durchhaltewillen sind eigentlich sogenannte "positive" Charaktereigenschaften. Ich bin aber überzeugt, dass sie auch sehr gefährlich werden können, wenn sie zu extrem ausgeprägt sind und vor allem wenn man sie in eine Sache investiert, für die man Talent hat. So war es zumindest bei mir. Denn man will ja niemanden enttäuschen oder sich vorwerfen lassen, dass man sein Talent wegwerfen würde. 

 

Nach meinen Ferien folgten für mich 60 Stunden Wochen mit arbeiten und trainieren. Eigentlich erwartete ich, dass ich nach einer Woche "völlig am Ende" sein würde, doch erstaunlicherweise ging ich plötzlich mit einer ganz neuen Leichtigkeit durch diese Tage. 

Für die meisten ist nicht wirklich nachvollziehbar ist, wie man ein solches Leben freiwillig wählen kann. Mittlerweile glaube ich aber aus Erfahrung sagen zu können, dass ich schon immer extrem ehrgeizig war und ich deshalb viel mehr unter Unterforderung als Überforderung leiden würde. Zudem bin ich bei beiden Dingen mit Herzen dabei.

Im Gegensatz zu vor ein paar Jahren habe ich aber gelernt, auch mal zufrieden zu sein und meinen Perfektionismus einen Gang zurückzuschalten. 

Ausserdem was wäre mein Alltag ohne ein bisschen Chaos?! Würde ich wirklich einem gut bezahlten "9 to 5" Bürojob nachgehen wollen? Wäre ich glücklich "nur" Radprofi zu sein? Wohl kaum! 

Profiradsport ist an sich schon ein hartes Business. Ihn mit einem normalen Job zu verbinden ist definitiv auf mehreren Ebenen eine ständige Herausforderung. Die grösste Herausforderung ist meiner Meinung nach die Lockerheit zu behalten!! Diese habe ich glücklicherweise endlich wieder gefunden. Ich glaube, dass Zufriedenheit ein ganz wichtiger Teil davon ist. Perfektionismus und Selbstzweifel hingegen sind starke "Blocker" dafür.

Darum fixiere ich mich mehr auf den Weg und weniger auf das Ergebnis (denn damit muss man sowieso umgehen wenn man sein Bestes gegeben hat). Erinnere mich vermehrt daran, was ich bereits geschafft habe und welche Krisen ich überstanden habe. Dann geht das mit der Lockerheit auch ganz einfach; denn hei kann es noch schlimmer kommen als es war?!?! Wohl kaum und bisschen was gelernt hat man ja aus der Vergangenheit auch...! ;-)

 

Während den letzten Monaten habe ich radikal "aufgeräumt" in meinem Leben. Mehr dazu in meinem nächsten Blog... Ich habe mit der Vergangenheit abgeschlossen und mich auf Neues eingelassen, vor allem aber habe ich bei meinen Entscheidungen auf mein Herz gehört! 

Die nächste Saison werden ganz neue Herausforderungen auf mich zukommen, welche mir neue Motivation geben.

 

Ich werde diesen Weg mit einem ganz kleinen von mir selbst ausgewählten Team einschlagen. Es ist mir wichtig mich selbst sein zu können und ich glaube auch, es ist zentral für mich, um erfolgreich zu sein. 

In einigen Wochen erfährt ihr mehr über meine Pläne und Ziele, bis dahin sammle ich fleissig Grundlagenkilometer... 

 

Tour of Zhoushan Island & Tour of Taiyuan

Mitte Mai reiste ich ziemlich kurzfristig für 2 Wochen nach China um die Rennen in Zhoushan Island und Taiyuan mit dem japanischen Team "High Ambition 2020" zu fahren.

 

Meinen Vertrag mit dem spanischen Team "Bizkaia-Durang" habe ich per Ende April auf eigenen Wunsch aufgelöst.

Die Zeit im Baskenland war nicht einfach und ich brauchte etwas Zeit um dies zu verdauen und vor allem um die Motivation wieder zu finden. Eine Transferphase mitten in der Saison ist immer mit viel Stress verbunden.

Als ich die Einladung erhielt, diese Rennen in China zu fahren, musste ich nicht lange überlegen und nahm diese Chance gerne an, vor allem weil das Team von Manel, meinen früheren Sportlichen Leiter bei Cylance, geführt wird.

 

Die Rennen in Zhoushan Island haben mir richtig viel Spass gemacht und zum ersten Mal dieses Jahr war die Rennfahrerin zu sehen, als die ich bekannt bin. Meine Aufgabe war es, jeden Tag die Sprinterinnen "weich zu kochen" an den Steigungen und das Rennen hart machen. Dies gelang perfekt und unsere Sprinterin lieferte ab!! 

Der letzte Tag wurde nochmals richtig hart, weil ich einerseits das Tempo alleine machen musste und wir auch von der 3. platzierten Mannschaft angegriffen wurden. So musste ich schon das eine oder andere Mal ziemlich in den roten Bereich fahren um uns im Spiel um den Gesamtsieg zu halten. In der 3. von 4 Runden machten wir dann richtig ernst weil die Leaderin schon Mühe hatte das Tempo in den Anstiegen mitzugehen und so fuhr ich die Sprintwertung richtig hart an, um gleich danach in den Anstieg zu attackieren. Unser Plan ging auf und die Leaderin explodierte - leider ich wenig später auch...! Was ich danach zu sehen bekam, war dann weit entfernt von sportlicher Fairness: die Leaderin nahm 4!! "sticky bottles" im Anstieg und liess sich so zurück in die Gruppe ziehen am Auto. Als unser DS Manel den Kommissär zur Rede stellte, antwortete dieser nur trocken: "wir sind hier kein Worldtour-Rennen, ich kann sie nicht disqualifizieren. IHR MÜSST HALT DAS RENNEN MACHEN!!" Zum Glück habe ich das nicht gehört, denn ich hätte ihm definitiv meine beiden Bidons nachgeworfen... Provokation vom Allerfeinsten!!

Somit gewannen wir die Tour knapp nicht, aber wir haben alles richtig gemacht und über solche Unsportlichkeiten sollte man sich besser nicht zu viele Gedanken machen, denn ändern kann man dies sowieso nicht!!

Später bekam der Kommissär wohl doch kalte Füsse und verhängte immerhin 20 Strafsekunden.

 

Am nächsten Tag ging die Reise weiter in Richtung Peking nach Taiyuan. Am Tag vor dem Rennen fuhr unser DS den grössten Teil des 170km langen Rundkurses ab und ich habe ihn noch nie so kaputt gesehen wie an diesem Tag!! Am Abend vor dem Rennen fand eine Eröffnungsfeier statt und die Chinesen bewiesen einmal mehr, dass sie darin absolute Weltklasse sind!! Die Drohnen-Lichtshow war schlichtweg gigantisch!!

Am Renntag standen dann nebst den 170km Rennen auch noch 30km Transfer "by bike" auf dem Programm, was 200km bedeutete. Und dies bei 40°C!!

Heute wollten wir unbedingt den Sieg heimfahren und entsprechend motiviert standen wir am Start. Die ersten 30km waren flach und nichts geschah. Am ersten Berg war ich dann gefragt und das Feld explodierte. Schliesslich verblieben 20 Fahrerinnen. Ich musste weiterhin das Tempo machen, was mich doch recht viele Körner kostete. Schliesslich konnten wir mit einigen Attacken eine 3er Gruppe mit 2 Fahrerinnen von uns machen. Somit konnte ich mich kurz erholen, war dann aber alleine unterwegs und die verbleibenden 70km wurden ziemlich lang... Später holte ich noch 2 Fahrerinnen auf und leider habe ich den Sprint ein paar Meter zu spät eröffnet und somit beendete ich das Rennen auf dem 11. Rang! Viel wichtiger aber war: Doppelsieg für unser Team!! 

Wir 3 waren riiiichtig happy weil wir echt hart dafür gearbeitet haben und wenn dann ein Plan aufgeht ist es einfach nur genial! :-)

 

Die Zeit in China war super! Endlich hatte ich wieder richtig Spass am Rennen fahren, ein Gefühl, das ich in den letzten Monaten schmerzlich vermisst habe. Gut zu sehen war auch, dass nach den Rennen andere Sportliche Leiter mir gratuliert haben - ja im Radsport gewinnt nicht immer unbedingt derjenige, der es am meisten verdient hätte, aber das macht diesen Sport ja auch so interessant und da ich eben nicht endschnell bin, machte es keinen Sinn auf mich zu setzen. Mich hat aber der Sieg von Arianna Fidanza in Taiyuan mehr gefreut, wie wenn ich selbst gewonnen hätte, denn es ist schön zu sehen, wenn eine junge Athletin dank deiner Unterstützung ihren grössten Erfolg erreicht.

 

Persönliche Stellungnahme zum Fall "Campana"

Ende November erschien ein Artikel über unsere Klage an die Ethics Commission der UCI in der holländischen Zeitung "Volkskrant". Im Dezember folgte ein Beitrag im "Tagi".

Eigentlich wollte ich dazu nicht weiter Stellung nehmen, aber aufgrund extremer Reaktionen möchte ich hier einige persönliche Gedanken teilen.

Es ist wahrscheinlich nachvollziehbar, dass ich als Betroffene nicht verstehen kann, wie man ein solches Verhalten als "normal" oder "notwendig" erachten kann um Spitzenleistungen einzufordern. Auch 4 Monate später hat der Schweizer Hauptsponsor "bigla" die Chance nicht genutzt, Versäumtes nachzuholen oder Fragen zu stellen - das allein zeichnet aber in meinen Augen auch ein deutliches Bild... 

 

 

Zu den Fakten: Ende 2015 haben wir erfolgreich unsere ausstehenden Lohnzahlungen und Preisgelder über den Schweizer Verband eingeklagt. Meine Prämie für den SM-Titel war da jedoch ausgeschlossen. Für mich äusserst fragwürdig wie man als Hauptsponsor sowas nicht mitbekommt, denn dies hatte auch zur Folge, dass das Team keine Lizenz mehr erhalten hatte vom Schweizer Verband.

Im März 2016 haben 10 ehemalige Mitglieder des Bigla Pro Cycling Teams gegen den Teammanager / DS Thomas Campana bei der Ethics Commission der UCI sogenannte "complaints" eingereicht. 

Die Ethics Commission informierte uns nach einiger Zeit, dass es nicht möglich sei anonym zu klagen und so zogen fast alle Athletinnen / Staff ihre "complaints" zurück. Ich hatte grosse Angst aber ich wollte Gerechtigkeit für mich und vor allem für meine Teamkolleginnen. Erst später (nachdem es Campana zum Lesen vorgelegt wurde) wurde uns mitgeteilt, dass wir kein Anrecht auf das Urteil oder die Stellungnahme der Gegenseite haben würden. Ebenso, dass Teammanager und Sportliche Leiter von Sanktionen ausgeschlossen seien. Eine Farce!! 

 

Das erste Mal bin ich persönlich mit Campana aneinander geraten an der SM in Steinmaur weil ich nicht seiner Meinung war und ihm widersprach - dies wiederum duldete er nicht.

Unter denkbar schlechten Voraussetzungen reiste ich danach an den Giro. Und da passierte es: ich stürzte schwer und war nicht in der Verfassung noch weiterzufahren (über eine knochentiefe Schnittwunde am Knie wollte ich einfach ein Pflaster kleben, was schon zeigte, dass ich nicht ganz zurechnungsfähig war), geschweige denn noch zu einer weiteren Etappe zu starten. Aber als Edelhelferin hatte ich nicht das "Recht" auszusteigen zugunsten meiner Gesundheit. Der Druck war derart gross, dass mich widersetzen und nach Hause fahren schlicht keine Option war. 

Ich suchte den Rennarzt auf und er gab mir eigentlich keine Starterlaubnis mehr, was mich dann auch noch in eine recht unangenehme Situation brachte, da ich am nächsten Tag trotzdem startete...

Es war mein schlimmstes Rennen. Ich konnte kaum geradeaus fahren weil ich enorme Probleme mit der Visualisierung hatte. Mir war hundeelend, ich verschätzte mich mit Distanzen und Geschwindigkeiten. Totaler Kontrollverlust! Irgendwie schaffte ich es die Etappe zu Ende zu fahren. Beim Gedanken daran, dass mir noch 5 weitere Etappen bevorstehen würden, bekam ich regelrecht Panik, denn wie sollte ich in meinem Zustand eine Abfahrt bewältigen? Zu meinem Glück rief am nächsten Morgen unser Teamarzt an und informierte über die gesundheitlichen Risiken und Langzeitfolgen woraufhin ich dann unverzüglich nach Hause geschickt wurde. Allerdings waren die Folgen bereits gravierend... 

  

Persönlich hatte ich wahrscheinlich den "krassesten" Konflikt ausgefochten. Ich hatte teilweise richtig Angst und musste mit harten Mitteln für meine Rechte kämpfen. Es waren extreme Monate, welche mich psychisch an mein Limit gebracht haben. Mit der Hälfte des Teams durfte ich nicht mehr sprechen. Genauso verbot er mir bereits früher mit Fahrerinnen und Managern anderer Teams zu sprechen (weil Gerüchte kursierten, dass ich bereits für ein anderes Team unterschrieben hätte - was sogar stimmte ;-)), woran ich mich natürlich nicht gehalten habe, denn dies ging in meinen Augen definitiv zu weit. Für die WM in Richmond wollte er mir mein Zeitfahrrad nicht rausgeben, damit ich mich nicht darauf vorbereiten kann und genauso versuchte er mit allen Mitteln einen Start an der Bahn-EM in Grenchen zu verhindern (wo bigla u.a. Sponsor war). Bis am Ende bin ich allen meinen vertraglichen Verpflichtungen nachgekommen. Bin sogar im November noch für ein Rennen nach Südafrika geflogen - keine einfache Situation um es diplomatisch auszudrücken. Ich habe nicht klein beigegeben und meine Rechte eingefordert. Doch der Preis den ich dafür zahlte war hoch! Nach aussen wirkte ich vielleicht abgeklärt und teilweise sogar fast schon emotionslos aber wer mich während der Holland Ladies Tour im Hotelgang beobachtet hat, wusste ganz genau was abging (insbesondere als ich zu einem "4-Augen-Gespräch" in den Teamcamper beordert wurde) - er versuchte mich emotional zu erpressen für ein weiteres Jahr zu unterschreiben. Eigentlich eine völlig absurde Situation!! Ich war völlig am Ende mit den Nerven aber niemand konnte mir helfen, denn damit hätte man sich selbst dem Wolf zum Frass vorgeworfen - und das hätte ich niemals zugelassen. 

 

Ich weiss, dass ich das Richtige getan habe, auch wenn es mich später an den Tiefpunkt meines Lebens befördert hat. Bis heute habe ich nicht darüber gesprochen weil ich daran zweifelte, ob man mir glauben würde und wie sich gezeigt hat, waren/sind diese Bedenken nicht unberechtigt. Es war schon heftig, wie negativ die Reaktionen ausfielen, dass ich ein Schweizer Team verlassen habe. Nach Aussen musste ich natürlich bis Ende Jahr den Schein wahren, was manchmal schon schwierig war bei allem was vorgefallen war. 

Es ist schon schockierend, wie viele Menschen ein solches Verhalten im professionellen Sport als "normal" oder "notwendig" erachten. Ich bin überzeugt, dass man dadurch gute Leistungen kurzfristig erzwingen kann aber herausragende Leistungen nur durch eigene Motivation erreichen kann. Vor allem aber bin ich der Meinung, dass ein solches Verhalten schlicht inakzeptabel ist und unter keinen Umständen gerechtfertigt werden sollte bzw. wie in allen anderen Lebensbereichen entsprechend sanktioniert werden sollte.

 

Auch als ich das Team Ende Jahr verlassen hatte, war der Kampf nicht beigelegt. Es war eine schwierige Zeit und es war nicht immer einfach ruhig zu bleiben oder sich nicht davon ablenken zu lassen. So versuchte er z.B. andere Teams während der Emakumeen Bira zu manipulieren, um zu verhindern, dass ich das Bergpreistrikot gewinnen würde!! Gewonnen habe ich es trotzdem und ich glaube sogar meine Ex-Teamkolleginnen waren am Ende froh über diesen Ausgang, denn es war offensichtlich, dass es ihnen äusserst unangenehm war mit solchen Mitteln zu kämpfen.

Es gibt unzählige solcher Episoden und auch wenn jede Einzelne nicht so schwer wiegt, so war die Situation doch enorm belastend. Ich musste heimlich mit Kolleginnen sprechen; es war ein ständiges Versteckspiel das einfach nur "krank" war!!

 

Mittlerweile habe ich das Geschehene akzeptiert und ich bin vor allem wirklich froh, dass es Caro Baur mittlerweile wieder gut geht in den USA. 

Leider begleiten mich die Folgeschäden dieser Gehirnerschütterung noch heute. 

Manchmal habe ich extreme Kopfschmerzen, Vertigo oder Konzentrationsschwierigkeiten. Auch mit Stress und Druck kann ich schlechter umgehen genauso wie ich manchmal extreme Stimmungsschwankungen habe. 

Meine Familie und Freunde wissen, wie sehr mich diese Gehirnerschütterung insbesondere während den ersten 2 Jahren danach gequält hat. Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte mir 100 Knochen gebrochen. Nächtelang bin ich wach gelegen, hatte Kopfschmerzen und Vertigo, Stimmungsschwankungen, Visualisierungsprobleme und Gleichgewichtsstörungen. 

Ich war unglaublich hart zu mir selbst weil ich nicht akzeptieren wollte, dass ich gewisse Einschränkungen hatte. Zudem konnte ich dies während der Saison 2016 durch Erfolge äusserst gut kaschieren. Damit habe ich mir leider keinen Gefallen getan, wie sich im Juni 2017 gezeigt hat... Mein Körper hat mir alle erdenklichen Signale gesendet endlich eine Pause einzulegen aber mein Kopf hat sich genau so heftig dagegen gewehrt. 

Über das folgende Kapitel mag ich nicht wirklich sprechen, sondern es dabei belassen, dass es eine extrem intensive und schwierige Zeit für mich und mein Umfeld war. 

Während den letzten 2 Jahren habe ich einfach gelernt, damit umzugehen und meine eigene Strategie gefunden, um die Symptome unter Kontrolle zu haben. 

In meinem Leben hat sich dadurch viel verändert und ich habe vor allem auch erkannt, dass enorm viel Arbeit, Willenskraft und positive Einstellung dazu geführt haben, dass es mir heute gut geht! Es war eine "Scheisszeit" aber sie hat mich auch vieles gelehrt und mein Leben ausserhalb des Sports bereichert. Dafür bin ich dankbar und das Leben ist eh zu kurz um sich mit der Vergangenheit rumzuschlagen. Jede Herausforderung birgt auch neue Chancen und die gilt es nun positiv zu nutzen...!! :-)

 

 

Download
"Du bist zu dick"
Artikel im Tagi
181221_Bigla Campana.pdf
Adobe Acrobat Dokument 524.0 KB

6. Rang Weltmeisterschaft TTT in Innsbruck

Natürlich kann man einen 6.Platz nicht mit einer Medaille vergleichen, welche ich in dieser Disziplin schon gewonnen habe, aber wenn man den Weg dahin analysiert, kann ich damit mehr als zufrieden sein!

 

Seit meinem unglücklichen Sturz am Giro Rosa musste ich nicht nur mit angebrochenen Rippen sowie einer starken Erkältung kämpfen, sondern auch mit der Motivation.

Dass ich mich dann 2 Monate alleine zuhause auf die WM vorbereiten musste, ohne Renneinsatz und ohne Teamtraining war nicht einfach. Zudem absolvierte ich die gesamte Vorbereitung auf dem Strassenrad und sass somit nur gerade zwei Tage vor dem WM-Rennen noch auf dem Zeitfahrrad. 

Darum war ich am Start auch sehr nervös, doch zum Glück ist man bei einem Teamzeitfahren sehr schnell im Laktat und hat keine Energie um sich die "was wenn..."-Fragen zu stellen! 

Wir absolvierten die 54km in etwas mehr als einer Stunde mit einem Schnitt über 50km/h! Es war definitiv schmerzhaft ;-)

Am Ende reichte unsere Leistung zu Rang 6 womit wir sicher zufrieden sein dürfen. Damit konnte ich meine Saison äusserst positiv abschliessen! :-)

Gleichzeitig war es auch mein letzter Einsatz für das dänische Team, da ich auf die kommende Saison in ein spanisches Team wechseln werde, das sich mehr auf die bergigen Rennen konzentriert.