Emakumeen Bira - "wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus"

Mit positiven Gefühlen kam ich von den Ardennen-Klassikern nach Hause und war sehr motiviert für die erste Rundfahrt dieses Jahr, Gracia Orlova. Auf der Königsetappe fuhr ich sehr offensiv und es war wohl hauptsächlich mir zu verdanken, dass die Spitzengruppe nicht mehr eingeholt wurde. Auch die zahlreichen Attacken im Finale verliefen im Sande und wir mussten uns mit dem zweiten Platz im Sprint abfinden. Im Zeitfahren platzierte ich mich in den ersten 20, was ganz ok war da ich mir wohl eine Magendarmverstimmung eingefangen hatte. Leider musste ich deshalb dann die Segel streichen, was natürlich sehr enttäuschend war, da ich bis dahin auf dem 12. Gesamtrang lag. Nach einigen Tagen Ruhe nahm ich dann die Vorbereitung für eine meiner Lieblingsrundfahrten, die Emakumeen Bira, wieder auf. Es waren zwei sehr harte aber auch enorm motivierende Wochen. Meine Leistungswerte gehen stetig aufwärts und mein Körper reagiert wieder positiv auf Trainingsreize. 

Doch natürlich wäre es viel zu einfach gewesen, wenn mal alles reibungslos verlaufen wäre... ;-) So sitze ich jetzt anstatt in Bilbao (einer Rennvorbereitung auf dem Rad, einer Massage und Nachtessen) am Flughafen in München und warte auf meinen Flug (per Taxi an die Teampräsentation fahren, ins Hotel zurück, kurz die Beine auf dem Hometrainer vertreten & schlafen). Der wurde nämlich heute morgen annulliert. Auch wenn es enorm mühsam ist, bleibt mir nichts anderes übrig wie ruhig zu bleiben und das Beste aus einer Situation zu machen, die ich eh nicht ändern kann. 

Bis vor einigen Wochen war ich noch überzeugt, dass dies das grosse "Comeback-Rennen" sein würde, doch in den letzten Tagen wurde mir klar, dass es so eines niemals geben wird. Einerseits empfinde ich dies als enorme Erleichterung denn tatsächlich war meine grösste Angst, ob ich jemals wieder dieselbe Rennfahrerin werden würde wie zuvor. Fakt ist aber, dass nichts und niemand mir jemals meine Erfolge nehmen kann und ich ehrlich gesagt eigentlich ganz schön viele schöne Erfolge einfahren konnte - dies war mir nur nie so richtig bewusst, bzw. ich hatte nie Zeit sie richtig zu geniessen. 

Die viel wichtigere Erkenntnis aber liegt darin, dass ich niemals dieselbe Rennfahrerin sein werde, weil ich nicht zurückgehen möchte, sondern vorwärts. Nur eine Handvoll Menschen weiss, was ich das letzte Jahr durchgemacht habe und wie viel Mut, Optimismus, Vertrauen und Selbstreflexion es gebraucht hat um an dem Punkt zu stehen, wo ich heute stehe - als Mensch sowie als Rennfahrerin! 

 

Nun hoffe ich, dass das Glück morgen wieder auf meiner Seite steht und ich bin extrem motiviert ein offensives Rennen zu fahren! :)

 

"L`essentiel est invisible pour les yeux"

Seit meiner Rückkehr auf Worldtour-Level sind bereits einige Wochen vergangen und ich fahre zurzeit die Ardennen-Klassiker, mein erstes kleines Saisonziel. Ich hatte eine gute Vorbereitung mit qualitativ guten Trainings welche ich mit einigen Trainingsrennen in der Schweiz ergänzt habe. Heute möchte ich euch einen kleinen Einblick geben, was es für mich bedeutet bei diesen 3 grossen Klassikern dabei zu sein.

 

Der Sport hat mir die intensivsten Emotionen, positive sowie negative, geschenkt. Er hat mich stärker, selbstbewusster und zielstrebiger gemacht. Ich habe unzählige wertvolle Erfahrungen gemacht, vieles entdecken können, wundervolle Menschen kennen gelernt und vieles über mich selbst gelernt. 

Ich habe geglaubt, in dieser Welt meinen Platz gefunden zu haben - bis zu dem Moment, als diese zu meinem grössten Alptraum wurde. 

Niemandem konnte ich erklären, wie ich mich fühlte oder was mir fehlte, denn ich hatte ja angeblich einen Traumjob - was für ein fataler Trugschluss! Wie erklärst du, dass du deswegen gerade durch die Hölle gehst?!

 

Als Profi-Radfahrer wechselst du deine "Familie auf Zeit" ständig. Dadurch sind viele enge Freundschaften in kürzester Zeit entstanden. Doch was, wenn die Chemie einfach nicht stimmt? Was wenn deine Wertvorstellungen nicht kompatibel sind mit dem Kern der "Familie"? Schwierig... Es gab niemanden, dem ich mich hätte anvertrauen können oder wo ich das Gefühl hatte, auf Verständnis zu stossen. Denn die Message war klar: ein kranker, verletzter Athlet steht ganz weit unten auf der Prioritätenliste. 

Es gäbe unzählige Episoden, welche "meine Hölle" ziemlich gut beschreiben würden. Einmal musste ich z.B. eine Woche in der Firma eines Hauptsponsors um die Ohren schlagen. Könnt ihr euch vorstellen, wie einsam es nach Feierabend in einem solchen Gebäude ist? Wie beängstigend das Blinken der Alarmanlage werden kann? Ich sehnte regelrecht den Arbeitsbeginn herbei bis ich realisierte, dass gerade alle in die Osterferien gefahren sind!! Die Einsamkeit liess mich verzweifeln denn natürlich war dieser Gebäudekomplex irgendwo im nirgendwo...

Ich hätte ja jemanden anrufen können zu Hause, aber das habe ich natürlich nicht getan, denn ich wollte ja keine Sorgen bereiten. Vielleicht hätte ich das mal tun sollen... Was aber hätte ich auf die Standardfrage "wie gehts?" geantwortet? Wahrscheinlich geheult wie ein Schlosshund oder den Blickkontakt vermeidet und von mir abgelenkt!

Jedenfalls hatte ich genügend Zeit um darüber nachzudenken, weshalb man sowas tut. Die Schlussfolgerung war ernüchternd: Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit. Eine schmerzhafte Erkenntnis.

Zum Glück habe ich meinen Humor nie verloren und ich kann heute über viele solcher Episoden herzhaft lachen. Wie z.B. als ich im Zug von Pisa nach Siena einen Heulanfall hatte weil ich erstens total übermüdet war da ich morgens um 5 Uhr an den falschen Flughafen gefahren wurde, den Flug umbuchen musste und dann die Fluggesellschaft auch noch mein Velo verloren hatte. Diese Woche gehört allerdings nicht dazu! 

 

Als ich die Diagnose Übertraining/Überlastung sowie "leakygut-syndrom" erhielt, stand für mich eines fest: meine gesamten Lebensgewohnheiten der letzten 25 Jahre konnte ich erstmal über Bord werfen! Einfacher gesagt als getan, denn Loslassen ist ein Prozess keine Aktion! 

Dabei wurde mir bewusst, dass ich bis vor 2 Jahren in meinem Leben immer Vollgas gegeben hatte und deshalb war der Kontrast zum Profileben auch so gross. Statt nach dem Training für die nächste Prüfung zu lernen, arbeiten zu gehen oder für die Uni zu lesen, war meine Aufgabe plötzlich im Bett liegen und nichts tun. Daran bin ich grossartig gescheitert! Ich konnte keine Minute ruhig bleiben, auch wenn ich körperlich erschöpft war, konnte ich innerlich nicht entspannen. Ständig habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich noch optimieren könnte oder ob es jetzt angebracht sei einen Abend mit Freunden zu verbringen und habe mich damit selbst in den Wahnsinn getrieben. Deshalb begann ich wieder halbtags zu arbeiten. Am Anfang war das sehr erfrischend, da ich für einige Stunden nicht mehr Athletin war, in einem anderen Umfeld war und meine Gedanken nicht beim Radsport waren.

Als ich jedoch wieder in den Trainings- und Athletenalltag eingestiegen bin, stellte mich dies vor neue Herausforderungen. Für mich war es völlig normal morgens um 6 Uhr ein Core-Training zu absolvieren, um 7 Uhr trainieren zu gehen oder aufgrund der Dunkelheit erste Intervalle auf dem Hometrainer zu fahren. Es ist ein Unterschied, ob du im Sommer bei 15 Grad um 7 Uhr losfährst oder im Winter bei Minustemperaturen für mehrere Stunden trainieren gehst. Manchmal musste ich früher arbeiten gehen oder abends länger bleiben, was mich manchmal vor grosse Herausforderungen stellte. Doch eines habe ich im Radsport gelernt: flexibel bleiben!! 

Gerade in meiner Situation war es nicht immer einfach und ich bin an meine Grenzen gestossen, denn die Doppelbelastung war schon sehr hoch und ich musste das eine oder andere mal einen Gang zurückschalten, lernen wieder auf meinen Körper und Geist zu hören und vor allem Limiten zu respektieren. 

Stück für Stück habe ich mein Leben wieder unter Kontrolle bekommen und vielleicht zum ersten Mal auf meine Bedürfnisse geachtet. 

 

All das klingt jetzt irgendwie doch recht einfach, doch das war es keineswegs!! Lange haben mich Selbstzweifel, Ungewissheit und Ängste geplagt. Ich habe den Regenerationsprozess eingeschlagen ohne Garantie auf Genesung, ohne Garantie auf eine Rückkehr in den Radsport und ohne zeitliche Angaben. Wer mich kennt, der weiss, dass ich ein Perfektionist bin, der sich niemals mit 99% zufrieden gibt. Besonders das Loslassen fiel mir lange enorm schwer, war aber schlussendlich der wichtigste Prozess. 

Der alles entscheidende Unterschied von heute zu vor einigen Monaten ist jedoch, dass ich mich nicht mehr "schäme" für das Geschehene, sondern dass ich mittlerweile mit Stolz auf eine enorm wichtige Lebensphase zurückblicken kann. Diese Gefühle zu erkennen und zuzulassen hat ganz schön viel Zeit gebraucht! 

 

Manchmal fällt es mir schwer, mich an diese "Hölle" zurückzuerinnern oder davon zu erzählen. Aber genau dann wird mir jeweils bewusst, wie viel sich seitdem in meinem Leben zum Positiven gewendet hat. 

Ich glaube auch, dass mich die Leute in meinem Wohnblock mittlerweile als "bisschen verrückt" abgestempelt haben, allerdings im positiven Sinne ;-) Mein Tagesablauf ist so völlig anders wie das der meisten Menschen und deshalb für die meisten auch völlig unverständlich. Umso mehr schätze ich es, wenn ich auf Verständnis treffe. 

Dass ich nun bei den Ardennen-Klassikern am Start stehe ist für mich alles andere als selbstverständlich. Es steht enorm viel und harte Arbeit dahinter. Als mich meine Arbeitskollegen z.B. fragten was ich über die Ostertage gemacht habe, so waren sie mehr wie erstaunt, als ich mit "trainieren" geantwortet habe. Denn genau das ist der Punkt: ich arbeite von Montags bis Freitags, habe aber dann nicht ein freies Wochenende sondern dann stehen für mich entweder zwei grosse Trainingstage oder ein Rennwochenende an. Momentan habe ich nicht viel Freizeit und deswegen lege ich auch grossen Wert darauf, dass ich zwischendurch doch immer ein bisschen Zeit für mich finde. Da bin ich sehr bedacht darauf und es bedeutet auch, dass ich vermehrt "nein" sage zu Dingen, die mich zu sehr einengen oder stressen würden.

Vor allem aber habe ich auch erkannt, dass ich nur das Beste aus mir herausholen kann, wenn ich glücklich bin bei dem was ich tue, was bedeutet, dass ich z.B. kein schlechtes Gewissen mehr habe, wenn ich eben einen Abend mit Freunden verbringe oder Zeit mit der Familie verbringe.

 

Nur eine Sache bereitet mir manchmal Bauchschmerzen: wenn Leute zu mir aufblicken aufgrund meiner sportlichen Erfolge. Sicher, es ist schön Wertschätzung zu erfahren und ich schätze dies enorm. Manchmal da muss ich schmunzeln wenn ich mich in Zeitlupentempo die Bahnhofstreppe hinaufschleppe weil ich total übersäuerte Muskeln habe - und insgeheim hoffe, dass mich jetzt bloss niemand erkennt!! Ja, das Leben eines Profisportlers ist nicht immer so glamourös wie es in den Medien oft dargestellt wird... und der Weg an die Spitze in den wenigsten Fällen ein Sonntagsspaziergang... 

Der Weg aus meinem Tief zurück an den Start eines Worldtour-Rennens war für mich noch viel schwieriger wie der Weg dorthin! Dass ich beim Amstel Gold Race noch mit grosser Unsicherheit am Start stand ist da irgendwie verständlich. Obwohl ich durch schlechte Positionierung ein gutes Resultat verpasst habe, habe ich gesehen, dass mein Körper wieder leistungsfähig ist und darum sind mir gestern bei Fleche Wallonne auch gefühlte 1000 Steine von den Schultern gefallen, als ich nicht nur mitgefahren bin, sondern dem Rennen meinen Stempel aufdrücken konnte. Es war enorm wichtig für mich und mein Team, dass ich abliefere und ich bin extrem froh, ist mir dies bereits so früh gelungen. Es gibt noch sehr vieles zu verbessern und zu optimieren, aber es war auch von enormer Wichtigkeit einen positiven Start in die Saison zu haben. 

 

Die Türen zu einem neuen Abschnitt in meinem Leben als Profirennfahrerin stehen nun offen und ich bin extrem positiv eingestellt für den letzten Klassiker Liège-Bastogne-Liège am kommenden Sonntag.

Noch viel wichtiger aber ist, dass ich erkannt habe, was für mich wichtig ist um das Beste aus mir herauszuholen und dass ich den Mut habe, die nötigen Schritte dafür zu tun.

 

Strade Bianche :)

Die vierte Austragung der Womens World Tour Strade Bianche auf den Schotterwegen rund um Siena war eine eiskalte Schlammschlacht!

 

Da es am Donnerstag auch in Siena stark schneite und Minustemperaturen herrschten, wurden einige Offroad-Sektoren unfahrbar aufgrund des Eises. Darum entflammte auf den Social Media sowie innerhalb der Athletenkommissionen eine rege Diskussion, das "Extreme Weather Protocol" hinzuzuziehen. Klar, es war kalt & nass, doch die Wetterprognosen für Freitag und Samstag sagten Regen und Temperaturen über dem Gefrierpunkt voraus, deshalb liessen mich solche Diskussionen auch relativ kalt und ich stellte mich auf ein kaltes, nasses und matschiges Rennen ein. 

Eigentlich waren diese sehr schwierigen Bedingungen nur zu meinem Vorteil, denn im Gegensatz zu vielen meiner Konkurrentinnen habe ich den ganzen Winter über bei Kälte, Regen und Schnee trainiert. 

 

Kurz vor unserem Start um 9 Uhr begann es dann auch stark zu regnen und so entschied ich mich, in der Regenjacke zu starten, was sich als weise Entscheidung herausstellte, denn ich hatte nie das Bedürfnis sie auszuziehen! Am Start war ich schon etwas nervös, da es mein erstes Rennen nach einer langen Trainingspause und einer 8-monatigen Rennpause war. Doch ich wusste auch, dass ich gut trainierte hatte im Winter, fühlte mich gesund und freute mich einfach, wieder am Start eines meiner absoluten Lieblingsrennen zu stehen!

Ich benötigte ein wenig Zeit um mich im Feld zurechtzufinden, was mich in ein paar heikle Situationen gebracht hat, doch physisch fühlte ich mich gut und nach der ersten Stunde waren auch die letzten Zweifel und Ängste weg.

Ich hatte richtig Spass durch den Schlamm zu fahren und auch mit der Kälte und Nässe kam ich gut zurecht.

Als es in den entscheidenden Sektor ging, war unser Team in den vordersten Positionen präsent, doch leider erwischte unsere Leaderin dann ein Loch und hatte einen Hinterraddefekt. So liess ich mich hinten an die Wagenkolonne zurückfallen um sie wieder zurück ins Feld zu fahren. Natürlich war das Rennen nun voll im Gange und das Feld teilte sich in unzählige Grüppchen. Mich hat dieser Effort dann ein paar Körner zu viel im falschen Moment gekostet, was leider "Game over" bedeutete. Doch das ist Radsport, ein Teamsport. Am Ende ging unser Team leer aus, denn das Glück lag heute nicht auf unserer Seite... 

Im Grossen und Ganzen bin ich jedoch sehr zufrieden mit meinem "Comeback" und das Gefühl war gut. Nun gilt es, den letzten Feinschliff für die ersten grossen Ziele im April zu holen. 

 

Heute morgen stand dann waschen auf dem Programm: noch nie war ich so voller Dreck! Doch der Spass war es wert!! Es war auf jeden Fall eine unvergessliche Austragung von Strade Bianche! 

 

"Life lessons" & Neuanfang

Ende Jahr hatte ich weder Lust einen Saisonrückblick zu machen, noch über meine Ziele/Pläne zu sprechen...

 

Zum einen lag dies daran, dass der Dezember extrem fordernd war und zum andern dass ich nicht wusste wo anzufangen da vieles unsicher und weniges langfristig planbar war. Nun habe ich "abgeschlossen" mit dem Alten Jahr und blicke positiv in die Zukunft. Eines ist an dieser Stelle jedenfalls sicher: es kann nur besser werden!! :)

 

Nach einer extrem strengen Adventszeit habe ich die Tage bis zum 1-wöchigen Trainingslager in Girona (Katalonien) gezählt. 

Diesen Aufenthalt in meinem "zweiten Zuhause" habe ich sehr genossen und es tat gut viele gute Freunde wieder zu sehen und natürlich konnte ich eine Woche unter super Bedingungen trainieren! 

 

Das letzte halbe Jahr hat von mir viel mentale Stärke, Selbstkontrolle, Fokussierung, Einsatz und Veränderungen gefordert!

Manchmal habe ich den Glauben (sowie die Geduld) an eine Genesung beinahe verloren. Der ganze Regenerationsprozess war enorm fordernd doch heute weiss ich, dass ich dadurch zu einer stärkeren, ausgeglicheneren und fröhlicheren Athletin/Person geworden bin.

Ohne die Unterstützung meines langjährigen Coaches, meiner Sportlichen Leiterin, meines Sportarztes, Maria von "trainyoureyes" sowie meiner Familie und Freunden wäre dies nicht möglich gewesen. 

Ich weiss nicht wie ich euch allen danken kann, aber vielleicht sind ein Lächeln im Gesicht sowie die Freude am Radsport schon mal ein guter Anfang.

 

Verletzungen, Krankheit, Übertraining, Folgeschäden einer Hirnerschütterung sowie ein grosser Verlust haben mir nicht nur physisch zugesetzt, sondern besonders auch auf der mentalen Ebene ihre Spuren hinterlassen. Grundlegende Veränderungen mussten her um meine Balance wieder zu finden. 

In erster Linie musste ich aufhören zuviel nachzudenken und alles zu hinterfragen was bedeutete, dass ich mich beschäftigen musste und einen geordneten Tagesablauf benötigte. Deshalb entschied ich mich dazu, morgens zu trainieren und nachmittags einer normalen Arbeit nachzugehen. Manchmal ist es eine grosse Herausforderung aber es hat mich auch effizienter gemacht. Momentan hält es mich zumindest auf dem richtigen Weg und bewahrt mich davor, mir zu viele Gedanken zu machen. Dabei kann ich auch nicht leugnen, dass es erfrischend ist für einige Stunden ein ganz normales Leben zu führen - abgesehen von dem ab und zu etwas erhöhten Laktatpegel in den Beinen ;-). Zudem war es extrem erholsam für einige Monate keinen Flughafen gesehen zu haben, kein Velokoffer zu schleppen sowie eine Wohnung und keinen Koffer mein "Zuhause" zu nennen.

Zweitens brauchte ich ein Vergnügen nebst dem Radfahren/Sport. Nach beinahe 10 Jahren habe ich wieder begonnen Saxophon zu spielen; etwas, das ich schon lange vermisst hatte und das ich auch nur aus Zeitmangel aufgegeben hatte.

 

Der Radsport hat mich in den letzten Jahren auf harte Proben gestellt, doch die Freude am Velofahren habe ich dabei nie verloren. Den Glauben / die Illusion an einen sauberen, ethisch vertretbaren und respektvollen Sport jedoch teilweise schon. Besonders die letzten beiden Jahre habe ich mit einer kleinen Gruppe von Athletinnen sehr hart für mehr Rechte, Respekt und Wertschätzung gekämpft. Dabei musste ich auch persönlich für meine Rechte einstehen und mich dafür weit aus meiner Komfortzone begeben. Es war nicht einfach und manche Rückschläge haben uns zeitweise erstarren lassen - sie haben uns aber auch gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir nicht länger Ungerechtigkeiten hinnehmen, unsere Rechte einfordern und Werte vorleben! Es macht mich stolz zu sehen, dass daraus nun die "Cyclists Alliance" entstanden ist. Dies lässt mich auf eine bessere Zukunft hoffen und lässt mich gleichzeitig mit der Vergangenheit abschliessen. Dabei habe ich einige wichtige Lektionen fürs Leben gelernt...

 

Die wichtigste "life lesson" war dabei, dass ich, wenn die Zeit reif ist, meine Karriere mit Zufriedenheit beenden werde. So schmerzvoll der abrupte Unterbruch meiner Karriere zu Beginn auch war, hat er mir auch gezeigt, dass ich mich in einem "normalen Leben" zurechtfinden würde und noch viel wichtiger, dass ich mit vielen Erfahrungen und Erinnerungen im Rucksack in einen neuen Lebensabschnitt starten werde. 

Vorerst aber geniesse ich umso mehr die Zeit, in welcher ich meine Träume verfolgen darf.

 

Ich fühle mich gesund und bereit für sowas wie ein "Comeback". Ich habe mich zwar noch nicht zu 100% erholt, doch ich bin auf dem richtigen Weg und die Zeit wird zeigen wohin dieser führen wird - schwierige Wege führen ja oft zu schönen Zielen...

Apropos Zielen - diese habe ich natürlich schon lange in meinem Hinterkopf gehabt, doch ich bin auch Realist und war mir bewusst, dass ich mein Hauptziel nicht wählen kann. Meine Gesundheit hat für mich 2018 absolute Priorität! 

Sofern alles nach Wunsch & Plan verläuft werde ich meinen Hauptfokus auf den Giro Rosa, Emakumeen Bira, LaCourse sowie die Weltmeisterschaften legen.

 

Mein Saisonstart wird das Worldtour-Rennen "Strade Bianche" am 3.März sein. Eines meiner absoluten Lieblingsrennen - was hätte ich mir mehr wünschen können?! Ich freue mich darauf sowie bald alle neuen Gesichter der "Virtu"-Familie zu sehen! :)

 

*TrainYourEyes* - ein Sturz mit Folgen...

Kein Sturz hat mich so sehr "geschmerzt" wie jener auf der 3. Etappe des Giro Rosa am 6.Juli 2015.

Fast 2 Monate war ich für Streckenreko, Höhentraining & Etappenrennen unterwegs. Die Tage alleine in Hotels waren einsam & monoton, brachten mich an meine Grenze, einzig der Fokus auf das grosse Ziel liess mich durchhalten. Dann das Aus bevor es in die Berge ging. Alles war für nichts, all die harte Arbeit innert Sekunden in der Luft verpufft. Als ich am Boden lag, spürte ich: das ist nicht gut, das wars!! Dieser Sturz war irgendwie anders wie alle zuvor...

 

Das Rennen war hektisch, schnell, es war brütend heiss & nach einer 90°-Kurve stürzten 2 Fahrerinnen vor mir; ich hatte keine Chance zu reagieren. An den Sturz selbst erinnere ich mich nicht mehr (scheinbar bin ich in eine kleine Mauer geflogen). Das einzige was mir bis heute noch extrem präsent ist, war der Schmerz in meinem Knie, als ich wieder zu Bewusstsein kam. Ich musste die Zähne heftig zusammenbeissen um nicht einfach loszuschreien. Völlig cool nahm ich mein Rad, checkte es und verlangte nach dem Ersatzrad. Die besorgten Blicke des DS & Mech liessen mich völlig kalt und ich fuhr seelenruhig zurück ins Feld. Erst dort wurde mir bewusst, dass mir schlecht war und ich irgendwie nicht so ganz klar denken konnte. So hatte ich auch die knochentiefe Schnittwunde in meinem Knie nicht bemerkt und liess die nur widerwillig vom Arzt nähen - ich beharrte darauf, dass ein Pflaster schon reichen würde. Eigentlich hätte ich das Knie für die nächsten Tage nicht biegen sollen...

Diese Wunde war jedoch mein geringstes Problem. Mir war schwindelig und ich sah irgendwie nicht mehr "richtig". Am nächsten Tag musste ich trotzdem zur Etappe starten. Es war einer der schlimmsten - wenn nicht der schlimmste - Tage auf dem Rad. Bereits in der Neutralisation knallte ich beinahe mit anderen Fahrerinnen zusammen weil ich ihre Position falsch einschätzte. Dasselbe mit Bordsteinen und Autos. Angeblich fuhr ich auch Schlangenlinien, aber das ist mir natürlich nicht aufgefallen... Mir war hundeelend, Übelkeit und Schwindelgefühle. Die Etappe machte mir das Leben auch nicht einfacher: Rundkurs durch Milano. Irgendwie habe ich mich bis ins Ziel mit Sicherheitsabstand hinten am Feld durchgebissen. 

Verzweifelt versuchte ich zu erklären, dass es mir wirklich nicht gut geht und ich nicht weiterfahren kann. Meine Bedenken wurden nicht ernst genommen, im Gegenteil es wurden noch Witze darüber gemacht.

Zu meinem Glück rief unser Teamdoktor dann von zu Hause an und klärte über die Risiken und möglichen Folgeschäden auf. Danach wurde ich unverzüglich nach Hause geschickt.

Allerdings wurde auch zuhause nur meine Wunde am Knie behandelt und da ich eine Woche damit sowieso nicht radfahren konnte, war das Thema Hirnerschütterung auch abgehakt. 

Für mich begann damit allerdings ein langer Leidensweg.

 

Im März dieses Jahres hatten wir ein Techniktraining und ich verlor aus unerklärlichen Gründen beim links im Kreis fahren beinahe das Gleichgewicht und konnte auch die Distanz zu meinen Teamkolleginnen nicht korrekt einschätzen. 

Als dann Bjarne Riis danach zu mir kam und meinte, dass ich sehr wahrscheinlich ein Problem mit der Visualisierung hätte, war ich zuerst schockiert. Doch dann machte plötzlich alles Sinn und ich wurde zu Untersuchungen nach Dänemark zu Maria Beadle von "trainyoureyes" geschickt. Das Ergebnis war ernüchternd: ich hatte ganz typische "post concussion" Symptome. Seitdem arbeite ich mit Maria und mache jeden Tag Übungen um wieder eine korrekte Visualisierung zu erlangen. 

 

Seit dem Tag des Sturzes bin ich manchmal durch die Hölle gegangen. Es gab Tage, an denen ich am liebsten nicht aufgestanden wäre weil ich die Anwesenheit anderer Leute schier nicht ertragen habe oder ich mich total "gerädert" fühlte. Ich war teilweise launisch und hatte besonders am Anfang starke Stimmungsschwankungen. Auch wurde mir oftmals aus unerklärlichen Gründen plötzlich total übel oder schwindelig. 

Auf dem Rad hatte ich seit dem Tag immer wieder Momente wo ich in Abfahrten anhalten musste weil ich mich nicht mehr konzentrieren konnte und begann Kurven völlig falsch anzufahren. Das Problem wurde schlimmer je schneller ich wurde und so bekam ich in Rennen immer öfters Panik wenn ich mich mitten im Feld befand oder es schnelle Abfahrten gab. Ich hatte die Situation schlicht und einfach nicht unter Kontrolle! Rechts schätzte ich die Distanz falsch ein und auch mein Sehwinkel war extrem eingeschränkt. Manchmal hatte ich das Gefühl zu stürzen obwohl ich einfach geradeaus gefahren bin.

Immer und immer wieder wurde mir eine Teamkollegin zur Seite gestellt, dessen Hinterrad ich nehmen sollte, doch leider half mir das keineswegs denn mein Problem war, dass ich vor mir selbst Angst hatte und nicht vor den Fahrerinnen um mich herum. Ich vertraute meinen eigenen Fahrkünsten nicht und das hat mich mehrmals an meine mentale Grenze gebracht. Insbesondere weil niemand sich wirklich vorstellen konnte, was ich in diesen Momenten durchmachte und ich danach tatsächlich völlig am Ende meiner Kräfte war. 

 

Seit ich mit Maria zusammenarbeite, hat sich für mich vieles zum Positiven gewendet. Ich kann wieder trainieren ohne dass mir übel wird, ich kann rechts die Distanz zum Strassenrand wieder richtig einschätzen und ich kann auch bei höherem Tempo die Distanzen immer besser kalkulieren. Auch habe ich seitdem nie mehr das Gefühl gehabt, zu stürzen, bzw. das Gleichgewicht grundlos zu verlieren. Dasselbe gilt für den Alltag, ich habe dadurch ein grosses Stück Lebensqualität wiedergewonnen!!

 

Wenn ich die Zeit heute zurückdrehen könnte, dann hätte ich mich niemals so sehr unter Druck setzten lassen dürfen, dass ich weitergefahren bin. Eine Hirnerschütterung (insbesondere die Kumulation von mehreren Stürzen auf den Kopf) ist eben keine sichtbare, aber eine der schlimmsten Verletzungen, der leider immer noch viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Denn besonders das Verhalten unmittelbar nach dem Sturz entscheidet wie gross die Folgeschäden sind und wie lange der Heilungsprozess dauern wird.

Niemand kann mir mit Sicherheit sagen, ob ich mich davon jemals zu 100% erholen werde und diese Tatsache hat bei mir im Kopf eine Art "Alarmglocke" eingeschaltet wenn ich auf dem Velo bin. Denn eins ist klar: jeder weitere Sturz auf den Kopf ist nicht gut und kann meine Symptome wieder verschlimmern.

 

Im Prinzip war es nur ein Sturz wie viele andere auch, aber irgendwie bin ich halt einfach unglücklich auf den Kopf aufgeschlagen, ich hatte einfach Pech. Gleichzeitig hatte ich auch Glück, dass ich durch Maria eine geniale Therapie machen kann und nicht nur mein normales Level wiedererlangen kann, sondern meine Visualisierung in ganz vielen Bereichen verbessern kann.

Das visuelle Koordinationstraining ist enorm fordernd, die Ergebnisse aber umso erstaunlicher. Übrigens kann jeder seine Visualisierung verbessern, was besonders in Spielsportarten von grosser Bedeutung ist. Letztendlich kann ich dadurch sicher auch profitieren.

Heute weiss ich, wie sehr eine Hirnerschütterung jemanden verändern und beeinträchtigen kann, deshalb ist es mir auch ein grosses Anliegen, dass junge Athleten über die Risiken und Folgeschäden aufgeklärt werden und der "ist ja nur eine Hirnerschütterung"-Mentalität der Garaus gemacht wird. Denn eines ist klar: eine Hirnerschütterung ist eine wesentlich schlimmere Verletzung wie ein Knochenbruch!!