Never stop challenging yourself...!!

Seit meinem letzten Eintrag sind einige Monate vergangen, dies liegt vor allem daran, dass ich während dieser Zeit in meinem Leben "radikal aufgeräumt" habe, bzw. mich von sämtlichen negativen Einflüssen distanziert habe. 

 

Während ich diese Zeilen schreibe sitze ich in einem Haus bei Freunden ausserhalb von Girona, einem kleinen Städtchen in Katalonien, das ich als mein zweites Zuhause bezeichne. Eigentlich sollte ich momentan in Vietnam am Rennen fahren sein, aber durch den Corona-Virus kam alles anders als geplant; jedoch bin ich gerade richtig happy hier zu sein! So viele tolle Erinnerungen verbinden mich mit diesem Ort, einige meiner besten Freunde wohnen hier und jedes Mal treffe ich neue wundervolle Menschen hier! 

 

Wenn ich heute auf die vergangene Dekade in meinem Sportlerleben zurückblicke, dann weiss ich gar nicht, wo ich beginnen soll, denn ich habe so vieles erlebt, so viele Menschen getroffen, so viele Orte gesehen und so viel gelernt.

Mir war immer bewusst, dass Radsport mit grossen Risiken verbunden ist, aber ich hätte niemals geahnt, dass mein Leben deshalb von einem Tag auf den anderen komplett auf den Kopf gestellt werden würde...! Dass ich alles in Frage stellen würde, dass ich nicht mehr wissen würde, wo mein Platz in dieser Welt sein soll und ob er überhaupt noch dort sein sollte...

In diesem Moment hätte ich alle meine Erfolge gegen meine Gesundheit eingetauscht hätte ich diese Möglichkeit gehabt! Damals stand ich am Flughafen London City, nicht wissend, was für eine unglaublich schwierige Reise vor mir liegt und wie unglaublich stark diese mich prägen und verändern würde...

Heute glaube ich, dass dieser Moment, in welchem ich mir selbst eingestanden habe, dass ich mich ausgebrannt habe, dass ich eine Pause vom Profiradsport einlegen muss, dass ich mich um meine Gesundheit kümmern muss und dass ich professionelle Unterstützung brauche, derjenige war, der am meisten Stärke erforderte. 

Niemandem war aufgefallen, wie schlecht es mir schon seit Monaten ging, wie sehr ich an meinen Reserven zehrte und wie sehr ich psychisch am Limit war. Die letzten Monate bis zum endgültigen Zusammenbruch und vor allem diejenigen unmittelbar danach waren krass! Richtig, richtig krass!!

Ihr merkt, es fällt mir extrem schwer darüber zu sprechen. Das liegt einfach daran, dass ich gewisse Dinge nur mit mir selbst ausgemacht habe weil ich der Überzeugung war (und bin), dass es genügt, wenn eine Person daran zerbrochen ist. Erstaunlicherweise hat mich bis heute nie jemand wirklich danach gefragt... 

Ironischerweise versuchte ich noch dann mein Umfeld zu beruhigen, als ich wirklich am Boden war und ich den Schmerz in ihren Augen sah, mich in diesem Zustand zu erleben. So absurd dies jetzt klingen mag, aber die Überzeugung mit der ich versicherte, dass schon alles wieder gut werden würde, war wahrscheinlich der entscheidende "Kick in den Arsch", dass ich auch dafür zu sorgen habe, dass dem so sein wird. 

Ich glaube meine unglaublich positive Einstellung, meine Disziplin und Selbstkontrolle sowie die Fähigkeit mich extrem zu pushen haben dazu geführt, dass ich nie in eine Depression oder in eine Negativspirale verfallen bin. 

 

Jede einzelne Erfahrung, jeder einzelne Tag in diesem Prozess haben mich etwas gelehrt und mich verändert. Ich bin nicht mehr dieselbe Person wie zuvor. Ich glaube, man könnte es so sagen, dass ich in einer sehr kurzen Zeit enorm viel über mich und das Leben gelernt habe und daran gewachsen bin. Ich sehe dies heute als Privileg und Chance, mein Leben genau so zu leben wie ich möchte und nicht zu versuchen jemanden oder etwas zu sein, das ich nicht bin oder Dinge zu tun, mit denen ich mich nicht identifizieren kann.

So habe ich mich nun auch ganz bewusst dafür entschieden, meine letzten Jahre im Profiradsport nicht mehr in einem Worldtourteam zu fahren, weil ich denke, dass dieses System momentan "krank" ist und ich mich zu sehr um die Menschen darin sorge. Ich bin jemand, der hinschaut, hinterfragt und verändern will. Und ich glaube darum würde dieses System mich heute zerstören. 

Deshalb habe ich mir auch ganz bewusst ein neues Team ausgesucht und bin extrem glücklich, dass ich mit "Illuminate" gefunden habe, wonach ich gesucht habe. Ein kleines amerikanisches Team, welches seine Fahrerinnen unterstützt und auf Qualität statt Quantität setzt!! Somit kann ich auch meine berufliche Zukunft gleichzeitig aufgleisen, denn oft macht man sich während seiner aktiven Zeit im Profisport viel zu wenig Gedanken darüber, was danach kommt und fällt in ein Loch oder trifft falsche Entscheidungen, welche man später bereut. 

Ich werde dieses Jahr also ein kleineres Programm fahren, dafür werde ich mir die Einsätze gezielt auswählen und mich auch gezielt darauf vorbereiten.

Ich freue mich auf neue Erfahrungen und Herausforderungen! Ein 100%-Pensum mit Profiradsport zu verbinden erfordert viel Flexibilität meinerseits aber auch von Seiten des Arbeitgebers und ich kann mich da wirklich glücklich schätzen so viel Unterstützung zu erfahren. Es wird sicher kein einfaches Jahr werden und wohl auch keines ohne Probleme oder Grenzerfahrungen, aber das macht für mich vielleicht gerade den Reiz aus...;-) 

Wahrscheinlich ist dieser Plan schon etwas verrückt, aber ich glaube er korreliert haargenau mit meiner Persönlichkeit und deshalb bin ich überzeugt, dass ich mich richtig entschieden habe. 

Erst wenn man sich aus seiner Komfortzone begibt, beginnt Veränderung! Wer immer nur tut, wovon er weiss, dass er dazu fähig ist, der wird niemals wissen, wo seine Grenzen liegen...! 

 

Sicher wird mich dieses Jahr enorm fordern aber ich glaube auch, dass es mich enorm befriedigen wird. 

Sehr bewusst habe ich gewählt, worin ich meine Zeit und Energie investieren möchte und darum brauche ich auch keinen Ausgleich, weil ich einen extrem grossen "Spielplatz" habe und die verschiedenen Aufgaben schon den nötigen Kontrast/Ausgleich bieten. Momentan habe ich das Gefühl im Leben genau dort zu stehen, wo ich sein möchte und genau das zu verfolgen, was ich möchte. In diesem Sinne: "let`s get the journey started..." ;-)