life balance

Seit ich meinen Vertrag mit dem baskischen Team "Bizkaia-Durango" im Mai aufgelöst hatte, habe ich mir endlich mal die Auszeit von jeglichen Verpflichtungen, Erwartungen und Vorschriften genommen, welche ich seit meinem Zusammenbruch 2017 nötig gehabt hätte. Bereits 2018 wieder auf Worldtourlevel zu fahren war nicht ideal, schon gar nicht das ganze Unterfangen auch noch mit einem Nebenjob zu verbinden um so den finanziellen Druck zu nehmen. 

Es war viel mehr so, dass ich einen "Stressor" abschwächte, damit aber einen anderen verstärkte. 

 

Im Mai bin ich spontan die Rennen in China gefahren mit meinem früheren Sportlichen Leiter Manel Lacambra. Diese zwei Wochen haben mich in meiner Entscheidung bestätigt. Zwar war ich nicht in Topform aber ich konnte das Team zum Sieg führen. Wenn einer weiss, wozu ich fähig bin und wie man dies aus mir herausholen kann, dann Manel!! 

Viel wichtiger aber, ich habe den Spass am Rennen fahren wieder gefunden sowie das Vertrauen in meine Fähigkeiten. Es hat mir extrem viel Freude bereitet mit diesen jungen Athletinnen zu arbeiten und sie zu persönlichen Erfolgen zu führen. 

 

Der Juni stellte mich dann auf eine harte Probe mit sehr viel unvorhergesehener Arbeit und der zusätzlichen Belastung der Transferphase. Ich kam an mein Limit und merkte, wie ich mich Kleinigkeiten und vor allem die Unzuverlässigkeit anderer immer mehr nervten. Es gab viele Tage wo ich zweimal arbeiten und zweimal trainieren musste. Ich gestaltete mir jeden Tag eine eindrückliche "to-do-list"!! Ab einem gewissen Punkt konnte ich nicht mehr abschalten, hetzte von Termin zu Termin und bekam wieder Schlafprobleme. Mir war schon klar, dass diese Entwicklung für mich mit meiner Vorgeschichte gefährlich war, aber ich konnte diesen Prozess in dem Moment nicht stoppen weil ich niemanden hängen lassen wollte. Jedoch kenne ich die Symptome von Überlastung nur zu gut und mir war klar, dass ich dies mit einer Erholungsphase ausgleichen musste.

Deshalb fuhr ich dann im Juli für 2 Wochen in ein Trainingslager in die Alpen. Ich hatte Zeit einfach mal im Moment zu leben, mir keine Gedanken über strukturiertes Training, Erholung und Ernährung zu machen... Kein Druck, keine Erwartungen, kein Terminstress, keine Verpflichtungen auf SocialMedia. Einfach ausgedrückt: ich hatte einfach mal Zeit für mich! 

 

Das "Positive" an solchen Krisen ist ja, dass man gezwungen wird, über sich und sein Leben zu reflektieren. Erst da wurde mir eigentlich bewusst, wie viel ich sehr früh in meiner Karriere erreicht habe, auf wie viel ich dafür verzichtet habe und wie viel ich mir selbst abverlangt habe. Ich selbst war es, die in sämtlichen Lebensbereichen nach immer mehr strebte, sich pushte und nach einem Erfolg bereits nach dem nächsten strebte ohne für einen kurzen Moment zu geniessen. 

Ehrgeiz, Leistungswillen, Disziplin und Durchhaltewillen sind eigentlich sogenannte "positive" Charaktereigenschaften. Ich bin aber überzeugt, dass sie auch sehr gefährlich werden können, wenn sie zu extrem ausgeprägt sind und vor allem wenn man sie in eine Sache investiert, für die man Talent hat. So war es zumindest bei mir. Denn man will ja niemanden enttäuschen oder sich vorwerfen lassen, dass man sein Talent wegwerfen würde. 

 

Nach meinen Ferien folgten für mich 60 Stunden Wochen mit arbeiten und trainieren. Eigentlich erwartete ich, dass ich nach einer Woche "völlig am Ende" sein würde, doch erstaunlicherweise ging ich plötzlich mit einer ganz neuen Leichtigkeit durch diese Tage. 

Für die meisten ist nicht wirklich nachvollziehbar ist, wie man ein solches Leben freiwillig wählen kann. Mittlerweile glaube ich aber aus Erfahrung sagen zu können, dass ich schon immer extrem ehrgeizig war und ich deshalb viel mehr unter Unterforderung als Überforderung leiden würde. Zudem bin ich bei beiden Dingen mit Herzen dabei.

Im Gegensatz zu vor ein paar Jahren habe ich aber gelernt, auch mal zufrieden zu sein und meinen Perfektionismus einen Gang zurückzuschalten. 

Ausserdem was wäre mein Alltag ohne ein bisschen Chaos?! Würde ich wirklich einem gut bezahlten "9 to 5" Bürojob nachgehen wollen? Wäre ich glücklich "nur" Radprofi zu sein? Wohl kaum! 

Profiradsport ist an sich schon ein hartes Business. Ihn mit einem normalen Job zu verbinden ist definitiv auf mehreren Ebenen eine ständige Herausforderung. Die grösste Herausforderung ist meiner Meinung nach die Lockerheit zu behalten!! Diese habe ich glücklicherweise endlich wieder gefunden. Ich glaube, dass Zufriedenheit ein ganz wichtiger Teil davon ist. Perfektionismus und Selbstzweifel hingegen sind starke "Blocker" dafür.

Darum fixiere ich mich mehr auf den Weg und weniger auf das Ergebnis (denn damit muss man sowieso umgehen wenn man sein Bestes gegeben hat). Erinnere mich vermehrt daran, was ich bereits geschafft habe und welche Krisen ich überstanden habe. Dann geht das mit der Lockerheit auch ganz einfach; denn hei kann es noch schlimmer kommen als es war?!?! Wohl kaum und bisschen was gelernt hat man ja aus der Vergangenheit auch...! ;-)

 

Während den letzten Monaten habe ich radikal "aufgeräumt" in meinem Leben. Mehr dazu in meinem nächsten Blog... Ich habe mit der Vergangenheit abgeschlossen und mich auf Neues eingelassen, vor allem aber habe ich bei meinen Entscheidungen auf mein Herz gehört! 

Die nächste Saison werden ganz neue Herausforderungen auf mich zukommen, welche mir neue Motivation geben.

 

Ich werde diesen Weg mit einem ganz kleinen von mir selbst ausgewählten Team einschlagen. Es ist mir wichtig mich selbst sein zu können und ich glaube auch, es ist zentral für mich, um erfolgreich zu sein. 

In einigen Wochen erfährt ihr mehr über meine Pläne und Ziele, bis dahin sammle ich fleissig Grundlagenkilometer...