Persönliche Stellungnahme zum Fall "Campana"

Ende November erschien ein Artikel über unsere Klage an die Ethics Commission der UCI in der holländischen Zeitung "Volkskrant". Im Dezember folgte ein Beitrag im "Tagi".

Eigentlich wollte ich dazu nicht weiter Stellung nehmen, aber aufgrund extremer Reaktionen möchte ich hier einige persönliche Gedanken teilen.

Es ist wahrscheinlich nachvollziehbar, dass ich als Betroffene nicht verstehen kann, wie man ein solches Verhalten als "normal" oder "notwendig" erachten kann um Spitzenleistungen einzufordern. Auch 4 Monate später hat der Schweizer Hauptsponsor "bigla" die Chance nicht genutzt, Versäumtes nachzuholen oder Fragen zu stellen - das allein zeichnet aber in meinen Augen auch ein deutliches Bild... 

 

 

Zu den Fakten: Ende 2015 haben wir erfolgreich unsere ausstehenden Lohnzahlungen und Preisgelder über den Schweizer Verband eingeklagt. Meine Prämie für den SM-Titel war da jedoch ausgeschlossen. Für mich äusserst fragwürdig wie man als Hauptsponsor sowas nicht mitbekommt, denn dies hatte auch zur Folge, dass das Team keine Lizenz mehr erhalten hatte vom Schweizer Verband.

Im März 2016 haben 10 ehemalige Mitglieder des Bigla Pro Cycling Teams gegen den Teammanager / DS Thomas Campana bei der Ethics Commission der UCI sogenannte "complaints" eingereicht. 

Die Ethics Commission informierte uns nach einiger Zeit, dass es nicht möglich sei anonym zu klagen und so zogen fast alle Athletinnen / Staff ihre "complaints" zurück. Ich hatte grosse Angst aber ich wollte Gerechtigkeit für mich und vor allem für meine Teamkolleginnen. Erst später (nachdem es Campana zum Lesen vorgelegt wurde) wurde uns mitgeteilt, dass wir kein Anrecht auf das Urteil oder die Stellungnahme der Gegenseite haben würden. Ebenso, dass Teammanager und Sportliche Leiter von Sanktionen ausgeschlossen seien. Eine Farce!! 

 

Das erste Mal bin ich persönlich mit Campana aneinander geraten an der SM in Steinmaur weil ich nicht seiner Meinung war und ihm widersprach - dies wiederum duldete er nicht.

Unter denkbar schlechten Voraussetzungen reiste ich danach an den Giro. Und da passierte es: ich stürzte schwer und war nicht in der Verfassung noch weiterzufahren (über eine knochentiefe Schnittwunde am Knie wollte ich einfach ein Pflaster kleben, was schon zeigte, dass ich nicht ganz zurechnungsfähig war), geschweige denn noch zu einer weiteren Etappe zu starten. Aber als Edelhelferin hatte ich nicht das "Recht" auszusteigen zugunsten meiner Gesundheit. Der Druck war derart gross, dass mich widersetzen und nach Hause fahren schlicht keine Option war. 

Ich suchte den Rennarzt auf und er gab mir eigentlich keine Starterlaubnis mehr, was mich dann auch noch in eine recht unangenehme Situation brachte, da ich am nächsten Tag trotzdem startete...

Es war mein schlimmstes Rennen. Ich konnte kaum geradeaus fahren weil ich enorme Probleme mit der Visualisierung hatte. Mir war hundeelend, ich verschätzte mich mit Distanzen und Geschwindigkeiten. Totaler Kontrollverlust! Irgendwie schaffte ich es die Etappe zu Ende zu fahren. Beim Gedanken daran, dass mir noch 5 weitere Etappen bevorstehen würden, bekam ich regelrecht Panik, denn wie sollte ich in meinem Zustand eine Abfahrt bewältigen? Zu meinem Glück rief am nächsten Morgen unser Teamarzt an und informierte über die gesundheitlichen Risiken und Langzeitfolgen woraufhin ich dann unverzüglich nach Hause geschickt wurde. Allerdings waren die Folgen bereits gravierend... 

  

Persönlich hatte ich wahrscheinlich den "krassesten" Konflikt ausgefochten. Ich hatte teilweise richtig Angst und musste mit harten Mitteln für meine Rechte kämpfen. Es waren extreme Monate, welche mich psychisch an mein Limit gebracht haben. Mit der Hälfte des Teams durfte ich nicht mehr sprechen. Genauso verbot er mir bereits früher mit Fahrerinnen und Managern anderer Teams zu sprechen (weil Gerüchte kursierten, dass ich bereits für ein anderes Team unterschrieben hätte - was sogar stimmte ;-)), woran ich mich natürlich nicht gehalten habe, denn dies ging in meinen Augen definitiv zu weit. Für die WM in Richmond wollte er mir mein Zeitfahrrad nicht rausgeben, damit ich mich nicht darauf vorbereiten kann und genauso versuchte er mit allen Mitteln einen Start an der Bahn-EM in Grenchen zu verhindern (wo bigla u.a. Sponsor war). Bis am Ende bin ich allen meinen vertraglichen Verpflichtungen nachgekommen. Bin sogar im November noch für ein Rennen nach Südafrika geflogen - keine einfache Situation um es diplomatisch auszudrücken. Ich habe nicht klein beigegeben und meine Rechte eingefordert. Doch der Preis den ich dafür zahlte war hoch! Nach aussen wirkte ich vielleicht abgeklärt und teilweise sogar fast schon emotionslos aber wer mich während der Holland Ladies Tour im Hotelgang beobachtet hat, wusste ganz genau was abging (insbesondere als ich zu einem "4-Augen-Gespräch" in den Teamcamper beordert wurde) - er versuchte mich emotional zu erpressen für ein weiteres Jahr zu unterschreiben. Eigentlich eine völlig absurde Situation!! Ich war völlig am Ende mit den Nerven aber niemand konnte mir helfen, denn damit hätte man sich selbst dem Wolf zum Frass vorgeworfen - und das hätte ich niemals zugelassen. 

 

Ich weiss, dass ich das Richtige getan habe, auch wenn es mich später an den Tiefpunkt meines Lebens befördert hat. Bis heute habe ich nicht darüber gesprochen weil ich daran zweifelte, ob man mir glauben würde und wie sich gezeigt hat, waren/sind diese Bedenken nicht unberechtigt. Es war schon heftig, wie negativ die Reaktionen ausfielen, dass ich ein Schweizer Team verlassen habe. Nach Aussen musste ich natürlich bis Ende Jahr den Schein wahren, was manchmal schon schwierig war bei allem was vorgefallen war. 

Es ist schon schockierend, wie viele Menschen ein solches Verhalten im professionellen Sport als "normal" oder "notwendig" erachten. Ich bin überzeugt, dass man dadurch gute Leistungen kurzfristig erzwingen kann aber herausragende Leistungen nur durch eigene Motivation erreichen kann. Vor allem aber bin ich der Meinung, dass ein solches Verhalten schlicht inakzeptabel ist und unter keinen Umständen gerechtfertigt werden sollte bzw. wie in allen anderen Lebensbereichen entsprechend sanktioniert werden sollte.

 

Auch als ich das Team Ende Jahr verlassen hatte, war der Kampf nicht beigelegt. Es war eine schwierige Zeit und es war nicht immer einfach ruhig zu bleiben oder sich nicht davon ablenken zu lassen. So versuchte er z.B. andere Teams während der Emakumeen Bira zu manipulieren, um zu verhindern, dass ich das Bergpreistrikot gewinnen würde!! Gewonnen habe ich es trotzdem und ich glaube sogar meine Ex-Teamkolleginnen waren am Ende froh über diesen Ausgang, denn es war offensichtlich, dass es ihnen äusserst unangenehm war mit solchen Mitteln zu kämpfen.

Es gibt unzählige solcher Episoden und auch wenn jede Einzelne nicht so schwer wiegt, so war die Situation doch enorm belastend. Ich musste heimlich mit Kolleginnen sprechen; es war ein ständiges Versteckspiel das einfach nur "krank" war!!

 

Mittlerweile habe ich das Geschehene akzeptiert und ich bin vor allem wirklich froh, dass es Caro Baur mittlerweile wieder gut geht in den USA. 

Leider begleiten mich die Folgeschäden dieser Gehirnerschütterung noch heute. 

Manchmal habe ich extreme Kopfschmerzen, Vertigo oder Konzentrationsschwierigkeiten. Auch mit Stress und Druck kann ich schlechter umgehen genauso wie ich manchmal extreme Stimmungsschwankungen habe. 

Meine Familie und Freunde wissen, wie sehr mich diese Gehirnerschütterung insbesondere während den ersten 2 Jahren danach gequält hat. Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte mir 100 Knochen gebrochen. Nächtelang bin ich wach gelegen, hatte Kopfschmerzen und Vertigo, Stimmungsschwankungen, Visualisierungsprobleme und Gleichgewichtsstörungen. 

Ich war unglaublich hart zu mir selbst weil ich nicht akzeptieren wollte, dass ich gewisse Einschränkungen hatte. Zudem konnte ich dies während der Saison 2016 durch Erfolge äusserst gut kaschieren. Damit habe ich mir leider keinen Gefallen getan, wie sich im Juni 2017 gezeigt hat... Mein Körper hat mir alle erdenklichen Signale gesendet endlich eine Pause einzulegen aber mein Kopf hat sich genau so heftig dagegen gewehrt. 

Über das folgende Kapitel mag ich nicht wirklich sprechen, sondern es dabei belassen, dass es eine extrem intensive und schwierige Zeit für mich und mein Umfeld war. 

Während den letzten 2 Jahren habe ich einfach gelernt, damit umzugehen und meine eigene Strategie gefunden, um die Symptome unter Kontrolle zu haben. 

In meinem Leben hat sich dadurch viel verändert und ich habe vor allem auch erkannt, dass enorm viel Arbeit, Willenskraft und positive Einstellung dazu geführt haben, dass es mir heute gut geht! Es war eine "Scheisszeit" aber sie hat mich auch vieles gelehrt und mein Leben ausserhalb des Sports bereichert. Dafür bin ich dankbar und das Leben ist eh zu kurz um sich mit der Vergangenheit rumzuschlagen. Jede Herausforderung birgt auch neue Chancen und die gilt es nun positiv zu nutzen...!! :-)

 

 

Download
"Du bist zu dick"
Artikel im Tagi
181221_Bigla Campana.pdf
Adobe Acrobat Dokument 524.0 KB