"L`essentiel est invisible pour les yeux"

Seit meiner Rückkehr auf Worldtour-Level sind bereits einige Wochen vergangen und ich fahre zurzeit die Ardennen-Klassiker, mein erstes kleines Saisonziel. Ich hatte eine gute Vorbereitung mit qualitativ guten Trainings welche ich mit einigen Trainingsrennen in der Schweiz ergänzt habe. Heute möchte ich euch einen kleinen Einblick geben, was es für mich bedeutet bei diesen 3 grossen Klassikern dabei zu sein.

 

Der Sport hat mir die intensivsten Emotionen, positive sowie negative, geschenkt. Er hat mich stärker, selbstbewusster und zielstrebiger gemacht. Ich habe unzählige wertvolle Erfahrungen gemacht, vieles entdecken können, wundervolle Menschen kennen gelernt und vieles über mich selbst gelernt. 

Ich habe geglaubt, in dieser Welt meinen Platz gefunden zu haben - bis zu dem Moment, als diese zu meinem grössten Alptraum wurde. 

Niemandem konnte ich erklären, wie ich mich fühlte oder was mir fehlte, denn ich hatte ja angeblich einen Traumjob - was für ein fataler Trugschluss! Wie erklärst du, dass du deswegen gerade durch die Hölle gehst?!

 

Als Profi-Radfahrer wechselst du deine "Familie auf Zeit" ständig. Dadurch sind viele enge Freundschaften in kürzester Zeit entstanden. Doch was, wenn die Chemie einfach nicht stimmt? Was wenn deine Wertvorstellungen nicht kompatibel sind mit dem Kern der "Familie"? Schwierig... Es gab niemanden, dem ich mich hätte anvertrauen können oder wo ich das Gefühl hatte, auf Verständnis zu stossen. Denn die Message war klar: ein kranker, verletzter Athlet steht ganz weit unten auf der Prioritätenliste. 

Es gäbe unzählige Episoden, welche "meine Hölle" ziemlich gut beschreiben würden. Einmal musste ich z.B. eine Woche in der Firma eines Hauptsponsors um die Ohren schlagen. Könnt ihr euch vorstellen, wie einsam es nach Feierabend in einem solchen Gebäude ist? Wie beängstigend das Blinken der Alarmanlage werden kann? Ich sehnte regelrecht den Arbeitsbeginn herbei bis ich realisierte, dass gerade alle in die Osterferien gefahren sind!! Die Einsamkeit liess mich verzweifeln denn natürlich war dieser Gebäudekomplex irgendwo im nirgendwo...

Ich hätte ja jemanden anrufen können zu Hause, aber das habe ich natürlich nicht getan, denn ich wollte ja keine Sorgen bereiten. Vielleicht hätte ich das mal tun sollen... Was aber hätte ich auf die Standardfrage "wie gehts?" geantwortet? Wahrscheinlich geheult wie ein Schlosshund oder den Blickkontakt vermeidet und von mir abgelenkt!

Jedenfalls hatte ich genügend Zeit um darüber nachzudenken, weshalb man sowas tut. Die Schlussfolgerung war ernüchternd: Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit. Eine schmerzhafte Erkenntnis.

Zum Glück habe ich meinen Humor nie verloren und ich kann heute über viele solcher Episoden herzhaft lachen. Wie z.B. als ich im Zug von Pisa nach Siena einen Heulanfall hatte weil ich erstens total übermüdet war da ich morgens um 5 Uhr an den falschen Flughafen gefahren wurde, den Flug umbuchen musste und dann die Fluggesellschaft auch noch mein Velo verloren hatte. Diese Woche gehört allerdings nicht dazu! 

 

Als ich die Diagnose Übertraining/Überlastung sowie "leakygut-syndrom" erhielt, stand für mich eines fest: meine gesamten Lebensgewohnheiten der letzten 25 Jahre konnte ich erstmal über Bord werfen! Einfacher gesagt als getan, denn Loslassen ist ein Prozess keine Aktion! 

Dabei wurde mir bewusst, dass ich bis vor 2 Jahren in meinem Leben immer Vollgas gegeben hatte und deshalb war der Kontrast zum Profileben auch so gross. Statt nach dem Training für die nächste Prüfung zu lernen, arbeiten zu gehen oder für die Uni zu lesen, war meine Aufgabe plötzlich im Bett liegen und nichts tun. Daran bin ich grossartig gescheitert! Ich konnte keine Minute ruhig bleiben, auch wenn ich körperlich erschöpft war, konnte ich innerlich nicht entspannen. Ständig habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich noch optimieren könnte oder ob es jetzt angebracht sei einen Abend mit Freunden zu verbringen und habe mich damit selbst in den Wahnsinn getrieben. Deshalb begann ich wieder halbtags zu arbeiten. Am Anfang war das sehr erfrischend, da ich für einige Stunden nicht mehr Athletin war, in einem anderen Umfeld war und meine Gedanken nicht beim Radsport waren.

Als ich jedoch wieder in den Trainings- und Athletenalltag eingestiegen bin, stellte mich dies vor neue Herausforderungen. Für mich war es völlig normal morgens um 6 Uhr ein Core-Training zu absolvieren, um 7 Uhr trainieren zu gehen oder aufgrund der Dunkelheit erste Intervalle auf dem Hometrainer zu fahren. Es ist ein Unterschied, ob du im Sommer bei 15 Grad um 7 Uhr losfährst oder im Winter bei Minustemperaturen für mehrere Stunden trainieren gehst. Manchmal musste ich früher arbeiten gehen oder abends länger bleiben, was mich manchmal vor grosse Herausforderungen stellte. Doch eines habe ich im Radsport gelernt: flexibel bleiben!! 

Gerade in meiner Situation war es nicht immer einfach und ich bin an meine Grenzen gestossen, denn die Doppelbelastung war schon sehr hoch und ich musste das eine oder andere mal einen Gang zurückschalten, lernen wieder auf meinen Körper und Geist zu hören und vor allem Limiten zu respektieren. 

Stück für Stück habe ich mein Leben wieder unter Kontrolle bekommen und vielleicht zum ersten Mal auf meine Bedürfnisse geachtet. 

 

All das klingt jetzt irgendwie doch recht einfach, doch das war es keineswegs!! Lange haben mich Selbstzweifel, Ungewissheit und Ängste geplagt. Ich habe den Regenerationsprozess eingeschlagen ohne Garantie auf Genesung, ohne Garantie auf eine Rückkehr in den Radsport und ohne zeitliche Angaben. Wer mich kennt, der weiss, dass ich ein Perfektionist bin, der sich niemals mit 99% zufrieden gibt. Besonders das Loslassen fiel mir lange enorm schwer, war aber schlussendlich der wichtigste Prozess. 

Der alles entscheidende Unterschied von heute zu vor einigen Monaten ist jedoch, dass ich mich nicht mehr "schäme" für das Geschehene, sondern dass ich mittlerweile mit Stolz auf eine enorm wichtige Lebensphase zurückblicken kann. Diese Gefühle zu erkennen und zuzulassen hat ganz schön viel Zeit gebraucht! 

 

Manchmal fällt es mir schwer, mich an diese "Hölle" zurückzuerinnern oder davon zu erzählen. Aber genau dann wird mir jeweils bewusst, wie viel sich seitdem in meinem Leben zum Positiven gewendet hat. 

Ich glaube auch, dass mich die Leute in meinem Wohnblock mittlerweile als "bisschen verrückt" abgestempelt haben, allerdings im positiven Sinne ;-) Mein Tagesablauf ist so völlig anders wie das der meisten Menschen und deshalb für die meisten auch völlig unverständlich. Umso mehr schätze ich es, wenn ich auf Verständnis treffe. 

Dass ich nun bei den Ardennen-Klassikern am Start stehe ist für mich alles andere als selbstverständlich. Es steht enorm viel und harte Arbeit dahinter. Als mich meine Arbeitskollegen z.B. fragten was ich über die Ostertage gemacht habe, so waren sie mehr wie erstaunt, als ich mit "trainieren" geantwortet habe. Denn genau das ist der Punkt: ich arbeite von Montags bis Freitags, habe aber dann nicht ein freies Wochenende sondern dann stehen für mich entweder zwei grosse Trainingstage oder ein Rennwochenende an. Momentan habe ich nicht viel Freizeit und deswegen lege ich auch grossen Wert darauf, dass ich zwischendurch doch immer ein bisschen Zeit für mich finde. Da bin ich sehr bedacht darauf und es bedeutet auch, dass ich vermehrt "nein" sage zu Dingen, die mich zu sehr einengen oder stressen würden.

Vor allem aber habe ich auch erkannt, dass ich nur das Beste aus mir herausholen kann, wenn ich glücklich bin bei dem was ich tue, was bedeutet, dass ich z.B. kein schlechtes Gewissen mehr habe, wenn ich eben einen Abend mit Freunden verbringe oder Zeit mit der Familie verbringe.

 

Nur eine Sache bereitet mir manchmal Bauchschmerzen: wenn Leute zu mir aufblicken aufgrund meiner sportlichen Erfolge. Sicher, es ist schön Wertschätzung zu erfahren und ich schätze dies enorm. Manchmal da muss ich schmunzeln wenn ich mich in Zeitlupentempo die Bahnhofstreppe hinaufschleppe weil ich total übersäuerte Muskeln habe - und insgeheim hoffe, dass mich jetzt bloss niemand erkennt!! Ja, das Leben eines Profisportlers ist nicht immer so glamourös wie es in den Medien oft dargestellt wird... und der Weg an die Spitze in den wenigsten Fällen ein Sonntagsspaziergang... 

Der Weg aus meinem Tief zurück an den Start eines Worldtour-Rennens war für mich noch viel schwieriger wie der Weg dorthin! Dass ich beim Amstel Gold Race noch mit grosser Unsicherheit am Start stand ist da irgendwie verständlich. Obwohl ich durch schlechte Positionierung ein gutes Resultat verpasst habe, habe ich gesehen, dass mein Körper wieder leistungsfähig ist und darum sind mir gestern bei Fleche Wallonne auch gefühlte 1000 Steine von den Schultern gefallen, als ich nicht nur mitgefahren bin, sondern dem Rennen meinen Stempel aufdrücken konnte. Es war enorm wichtig für mich und mein Team, dass ich abliefere und ich bin extrem froh, ist mir dies bereits so früh gelungen. Es gibt noch sehr vieles zu verbessern und zu optimieren, aber es war auch von enormer Wichtigkeit einen positiven Start in die Saison zu haben. 

 

Die Türen zu einem neuen Abschnitt in meinem Leben als Profirennfahrerin stehen nun offen und ich bin extrem positiv eingestellt für den letzten Klassiker Liège-Bastogne-Liège am kommenden Sonntag.

Noch viel wichtiger aber ist, dass ich erkannt habe, was für mich wichtig ist um das Beste aus mir herauszuholen und dass ich den Mut habe, die nötigen Schritte dafür zu tun.