"Zurück im Leben"

In meinem heutigen Eintrag schaue ich zurück auf die Periode, welche ich als die schwierigste meines Lebens bezeichnen würde (denn ich hoffe tatsächlich mich niemals wieder so weit unten wiederzufinden).

 

Manchmal hätte ich mir gewünscht, jemand hätte mich in die Arme genommen und gesagt, ich sei nicht ok, wenn ich sagte ich wäre ok. Es war dieser enorme Leistungsdruck sowie die enorm hohen Erwartungen, welche sich durch jede Ader meines Lebens zu schlängeln schienen. "Living the dream" war doch was ich tat und dafür habe ich doch dankbar & vor allem glücklich zu sein. Dieses äusserlich scheinbar perfekte Leben eines erfolgreichen Athleten, das im Innern alles andere als makellos war, war es womit ich mich immer weniger identifizieren konnte. Immer mehr hatte ich das Gefühl diese Person gar nicht mehr zu kennen; Realität und Schein klafften immer mehr auseinander. Alles drehte sich um Optimierung (Training, Schlafen, Erholung, Ernährung...) und es war kein Platz für anderes; das alles erschien mir teilweise so absurd. Sind wir mal ehrlich: wen interessiert es denn ob du gerade Schmerzen hast, wie es dir geht, was du willst? Wohl keinen!! Genau, als Athlet wird dir immer & immer wieder gesagt, dass du mit Schmerz umgehen können musst (und da war ich nicht besonders zimperlich). Doch was, wenn dein Schmerz mentaler Art ist, stärker als jeder Schmerz davor? Wie kommunizierst du sowas? Insbesondere wenn du immer diejenige warst, die alle Herausforderungen scheinbar mühelos meisterte, vor Enthusiasmus sprühte und alles mit einer gesunden Portion Humor betrachtet hat...?! 

 

Das letzte halbe Jahr war ich rastlos. Ich hatte stets das Gefühl etwas zu verpassen / verpasst zu haben, jemanden im Stich zu lassen, nicht professionell genug zu sein etc. Es war wie eine schwere Last, die auf meinen Schultern sass und alles fühlte sich plötzlich viel schwieriger an. Ich versuchte vor den negativen Gedanken in meinem Kopf zu flüchten, eine Tür nach draussen zu finden, aber es gab keine ausser: aufgeben. Aufgeben setzte ich gleich mit Schwäche, also keine Option. Irgendwo tief in mir hatte ich trotzdem immer diese Gewissheit, dass wenn der Raum (mein Kopf) Feuer fangen würde, ich dann trotzdem noch diesen Notausgang nehmen könnte. Ich war mir nur nicht bewusst, dass er schon längst Feuer gefangen hatte...

 

Zu Beginn dachten alle, es sei nur eine Phase, die wieder vorübergehen würde, aber ich wusste, dass dem nicht so ist. Vielleicht wird es besser wenn du zuhause bist, vielleicht wird es besser wenn du um das Team bist, vielleicht wird es besser wenn... Was auch immer ich veränderte, wohin ich auch ging, die dunkle "Rauchwolke" die meinen Kopf einnebelte war immer präsent. Und darum hatte ich auch so grosse Angst vor diesem Türchen "Notausgang". Was, wenn es trotzdem nicht besser werden würde? Was dann...?

 

Als ich diesen Notausgang schliesslich nahm (oder dazu gedrängt wurde), kam ich blass & völlig entkräftet nach Hause. Es fiel mir unheimlich schwer über das Geschehene zu sprechen, besonders mit Menschen die mir nahe standen. Zwar brachten die meisten Verständnis auf aber wirklich verstehen was in meinem Kopf los war, konnte niemand; das war ausser deren Vorstellungskraft. So beschränkten sich meine Aussagen meist auf "etwas läuft gerade ganz gewaltig falsch". Vielleicht konnte ich zu diesem Zeitpunkt auch selbst nicht wirklich benennen, was es genau war. Ich wusste, dass ich Hilfe brauchte, Hilfe von Experten und ich war gewillt und bereit solche anzunehmen. 

 

Da Radfahren bei mir mein eigener Wunsch war, hatte ich gute Voraussetzungen, um dorthin zurückzukehren. Gleichzeitig war es aber auch wichtig die Vergangenheit ruhen zu lassen, nicht darüber zu urteilen und mich auf die Gegenwart zu konzentrieren. In einem ersten Schritt bedeutete das, meine innere Balance wieder zu finden und körperlich gesund zu werden. Die ersten Wochen waren extrem schwierig, ich war sehr schwach, sehr labil und hatte noch immer diese "dunkle Rauchwolke" in meinem Kopf die mich wortwörtlich bisschen benebelte. Nach einigen Wochen ging es mir dann physisch wesentlich besser und ich begann wieder zu lachen. Der nächste Schritt war die Wiederaufnahme des "Trainings" sowie wieder mehr zu "leben". Ganz simple Dinge wie Zeit mit der Familie, ein Buch lesen oder einfach zu entspannen. Endlich fühlte ich mich wieder glücklich, unbeschwert und voller positiver Gedanken. Befreit wie es viele immer sagen fühle ich mich überhaupt nicht, nein vielmehr schwirren mir jetzt einfach ganz viele (verrückte) positive Dinge im Kopf herum die ich noch machen möchte. Vor allem erkenne ich mich selbst in diesen Gedanken wieder!

 

Momentan würde ich mich tatsächlich als glücklich bezeichnen und für mich ist das das Fundament um etwas Neues zu erschaffen. Momentan nehme ich Tag für Tag und baue somit Stein um Stein mein "neues Leben" auf.

Natürlich habe ich immer noch viele Zweifel und manchmal schlechte Tage, doch die negativen Gedanken beherrschen mich nicht mehr und ich habe Wege gefunden, um sie wieder wegzuwischen. 

Am Ende des Tunnels scheint wieder ein Licht und ich habe keine Angst mehr vorwärts zu gehen.

 

 

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