"manchmal muss man alles verlieren, um alles zu gewinnen"

Seit meinem letzten Eintrag sind bereits 2 Monate vergangen. Vieles hat sich in dieser Zeit in meinem Leben geändert und nichts wird so sein wie vor der kompletten Diagnose.

 

Lange war es ein Rätsel, weshalb ich so plötzlich und so heftig "abgestürzt" bin. Der Hauptgrund liegt im Verdauungssystem, bzw. dem grössten Organ, dem Darm. Kurz zusammengefasst war ich sehr krank ohne es zu wissen und habe so meinem Körper enorm viel abverlangt, zu viel. Mein Körper braucht Zeit, um sich davon komplett zu erholen und es erfordert enorm viel Disziplin sowie Interesse um die nötige komplette Ernährungsumstellung konsequent zu befolgen. Mittlerweile befinde ich mich auf einem sehr guten Weg und ich werde wieder gesund werden! 

 

Was mir jedoch sehr zugesetzt hat, seit ich weiss, wie hart ich mit mir selbst ins Gericht gegangen bin die letzten 9 Monate, war die Frage nach meinem Rücktritt. Nie zuvor habe ich härter gekämpft & gearbeitet, nie war ich so hart mit mir selbst. 

Ehrlich gesagt, ich habe mir viele Gedanken gemacht, sehr sehr viele doch aufgeben war nie eine Option für mich weil ich meinen Job liebe!! Das innere Feuer hat mich überhaupt fähig gemacht, so weit zu gehen; Grenzen immer und immer wieder zu überschreiten. Manchmal (eigentlich fast täglich) habe ich unten an der Saalhöhe gestanden und hätte mich am liebsten einfach auf den Boden gesetzt und losgeheult. Das Gefühl während den Intervallen war schrecklich und oft habe ich gespürt wie ich beinahe das Bewusstsein verloren hätte. An jedem einzelnen Tag hätte ich aufgeben können, an keinem einzigen bin ich ohne getane Arbeit zurückgekehrt... Eine Art "innere Stimme" hat mich immer angetrieben, die Signale meines Körpers übertönt. Selten, sehr selten habe ich über meine Schmerzen, meine Müdigkeit oder mein schlechtes Befinden gesprochen und wirklich verstanden wovon ich rede hat sowieso keiner - und wirklich ernst genommen schon gar nicht. Irgendwann war es einfach, so blöd wie das jetzt tönt, einfacher zu schweigen und die unausgesprochene Schikane auf mich zu nehmen. Ein Fehler, ein grosser Fehler...

 

Im Nachhinein betrachtet, war dieser eine Abend vor der Womens Tour in England der Wendepunkt. Ohne zu Übertreiben habe ich gedacht, dass ich demnächst tot von einem Hometrainer in einem Hotel irgendwo in England fallen würde. Panik & Verzweiflung breiteten sich in mir aus. Am nächsten Tag sprach ich mit unserem Sportlichen Leiter, doch alles was er zu sagen hatte war, dass mein Herzfrequenzgurt nicht funktionieren würde...!! Das war der Punkt, an dem ich wusste, dass ich mit einem Idioten spreche. Was danach geschah wissen wir alle, es war das letzte Rennen für eine lange Zeit...

Oft habe ich mich gefragt, warum ich nicht früher "stopp" gesagt habe. Die Antwort ist ganz simpel und eben gleichzeitig auch so unfassbar: ich habe geliebt was ich tue und ich hatte Angst, das zu verlieren!

Wie sagt man so schön, "manchmal muss man zuerst alles verlieren, um alles zu gewinnen"! Dieses Sprichwort habe ich bis zu diesem Abend in England nie verstanden, es hat für mich einfach keinen Sinn ergeben.

Doch in dem Moment habe ich realisiert, dass ich zwar liebe was ich tue aber dass ich es nicht mit Liebe ausüben kann. Es war nicht Leidenschaft, es war Leiden! Mir wurde klar, dass ich alles verloren. Mir wurde bewusst, dass ich den Profiradsport hasste. Radfahren habe ich auch zu diesem Zeitpunkt noch geliebt. Für mich ist Profiradsport und Radfahren überhaupt nicht zu vergleichen und darum konnte mich "einfach mal nur Radfahren" auch so extrem beruhigen und entspannen.

Ich war mir nicht sicher, ob ich gesund werden würde und ob ich zurückkehren kann aber ich war mir immer sicher, dass diese Leidenschaft wieder in mir aufkommen würde. Und wenn ich sage, dass ich heute dieses Sprichwort verstehe, dann meine ich damit, dass ich erlebt habe, was es bedeutet, wenn du nicht nur deine Leidenschaft wieder zurückgewonnen hast, sondern auch eine enorme Dankbarkeit dafür empfindest! Plötzlich wurde für mich unwichtig, ob ich in der nahen Zukunft ein Rennen gewinnen würde, das einzige was für mich zählte war mich wieder fit und gesund zu fühlen, wieder tun zu können, was ich liebe. Dieser Moment kam für mich dann auch völlig unerwartet und meine Freude war unbeschreiblich gross. 

 

Es war (und ist) bestimmt die schwierigste Phase meiner Karriere und es hat mich extrem verändert. Ich werde nicht dieselbe Athletin sein wie zuvor und das ist auch gut so und wichtig um das Beste aus mir herausholen zu können!

Ich werde in den Profiradsport zurückkehren, doch entgegen der anfänglichen Prognose habe ich in Absprache mit Experten die Entscheidung getroffen, diesen Schritt erst auf die Saison 2018 zu tun.

 

Der Weg zu meiner vollständigen Regeneration ist noch weit und darauf will ich mich momentan konzentrieren! Keine halben Sachen mehr! "Konsequent sein", das ist meine Herausforderung. Konsequent regenerieren, konsequent trainieren, konsequent entscheiden...