Auszeit vom Rennsport - werde meine beiden SM-Titel nicht verteidigen!

Es ist sehr sehr hart meine momentane Situation zu akzeptieren und es hat mich viel Überwindung gekostet diese Zeilen zu schrieben, da es das Ganze endgültig macht.

 

Ich bin in einer chronischen Überlastung - physisch & psychisch. Viel zu lange habe ich meine Rastlosigkeit ignoriert bis sie mich von innen aufgefressen hat.

Ständige Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, schmerzende Muskeln und zuletzt auch ein niedriger Puls sowie ein massiver Leistungseinbruch haben mich zu der Entscheidung gezwungen, eine Pause einzulegen. 

 

Warum habe ich nicht früher die Notbremse gezogen, warum habe ich nichts gesagt? Ich weiss es nicht...

Nachdem ich die Olympischen Spiele verpasst habe, bzw. herausgefunden habe, dass ich überhaupt nie eine potenzielle Kandidatin gewesen war, habe ich vieles in Frage gestellt. Ich habe viel dafür geopfert während 4 Jahren; keine kurze Zeit, nicht nur kleine Opfer... Ich wäre genau zur richtigen Zeit bereit gewesen, am Ende zählte alles nichts - ich hätte tun können, was ich wollte, die Entscheidung gegen mich wurde schon lange gefällt und hatte nichts mit Leistung oder Potenzial zu tun - das hat mich tiefer getroffen, als ich bisher zugegeben habe. Und die Aussichten für die nächsten Spiele sehen keineswegs besser aus...

 

Ich hatte eine tolle Saison 2016 und ich war sehr zufrieden damit, was ich am Giro erreicht habe. Das war mein grosses Ziel für dieses Jahr, dem habe ich alles untergeordnet.

Doch alles kam anders als geplant... Das Jahr hat mit einem grossen Verlust in der Familie angefangen. Anstatt mit einige Zeit zu Hause zu gönnen, habe ich an meinem Plan festgehalten und bin nach Girona und ins Teamtrainingslager geflogen... 

Danach folgte eine Achillessehnenentzündung: 10 Tage absolute Ruhe, schneller Wiederaufbau und Start bei den grossen Klassikern 3 Wochen später. Nach dem Amstel Gold Race hatte ich so starke Schmerzen, dass ich nicht schlafen konnte, aber ich startete bei der nächsten, bis ich nicht mehr fahren konnte: die Entzündung war zurück!

Gleicher Prozess: Pausieren, Aufbauen. Dieses Mal stand ich jedoch bereits nach 1.5 Wochen am Start des Etappenrennens Emakumeen Bira. Ich wusste, dass ich nicht bereit dafür war, aber ich wollte mein Team nicht im Stich lassen. Es war hart, die Erwartungen extrem hoch (hatte das Berpreistrikot gewonnen letztes Jahr) und ich fühlte wie der Stress immer stärker wurde. Ich spürte Schmerzen, die ich zuvor noch nie so hatte. Ich ignorierte alles bis es zum totalen Einbruch kam am letzten Tag. Mein gesamtes System ist über Nacht zusammengebrochen. 

Danach reiste ich direkt nach Italien für eine Giro-Reko. Während alle anderen sich einige Tage Ruhe gönnten, trainierte und reiste ich zwei weitere Tage nach der Rundfahrt weiter... Ich konnte nicht mehr runterfahren, ich spürte wie mich der Stress innerlich aufzufressen begann. Gute und schlechte Tage wechselten sich ab, bis die guten Tage immer weniger wurden und schliesslich komplett fehlten...

 

Schliesslich schickte mich mein Team nach Hause. Da musste ich erstmal jeden Berg abfahren. Ich weiss nicht warum, aber ich musste einfach. Es war wie eine grosse Befreiung, einfach einmal tun, was ich wollte! Ich glaube in dem Moment war es die einzige Möglichkeit, einige Stunden innere Ruhe zu finden.

Letzte Woche habe ich alles durchgecheckt bei Ärzten. Abgesehen von ganz typischen Stress- sowie Überlastungssymptomen, auch bekannt als "Übertraining", konnte zum Glück nichts gefunden werden.

 

Während meiner Karriere habe ich viele Rückschläge erlebt und ich bin immer wieder aufgestanden, aber die kommende Periode wird meine grösste Herausforderung werden. Ich mache mir keine Sorgen über meine körperliche Regeneration, das wird etwas Zeit und Geduld benötigen, aber ich werde gesund werden. Die mentale Balance wiederzufinden ist ein viel komplizierter und schwer vorhersehbarer Prozess. Den ersten und schwierigsten Schritte habe ich bereits getan: darüber sprechen, akzeptieren und Hilfe annehmen. 

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei all jenen bedanken, die während dieser schwierigen und wenig glamourösen Zeit an meiner Seite stehen, das bedeutet mir sehr viel!

 

Auch wenn ich es momentan viel lockerer angehen muss, wie gewohnt, werde ich trotzdem auf dem Velo unterwegs sein und habe nun auch mal Zeit um anzuhalten oder ein paar Worte auszutauschen! :-)

 

Bis bald!

 

Doris